Ausgerechnet die Stadt Köln sollte in den 1960er Jahren zum Motor der Veränderung im Tanz werden. Dies schien der Tanz in Deutschland auch bitter nötig zu haben. „Stillstand, Resignation, wenn nicht gar offenkundigen Rückschritt“ beklagten Kritiker wie Horst Koegler oder Jens Wendland und kritisierten die klassisch-romantische Ausrichtung des Repertoires, den Innovationsabstand des deutschen Balletts zum Schauspiel sowie den Mangel an jungen Nachwuchschoreographen in Deutschland.
Früh erkannte die in Köln ansässige Gesellschaft zur Förderung des Künstlerischen Tanzes die Notwendigkeit eines Forums zur Präsentation des choreographischen und tänzerischen Nachwuchses und etablierte bereits 1964 das „Choreographische Experimentiertheater“. 1967 konnten die Zuschauer ebendort die ersten „Gehversuche“ junger Choreographen aus der Kölner Tanzcompagnie bestaunen – das „Ballettstudio“, wie es bald genannt wurde, präsentierte die Arbeiten der Choreographen Jochen Ulrich und Johann Kresnik.


Johann Kresnik und Aina Bilkins bei Proben im Ballettsaal der Kölner Oper, Spielzeit 1966/1967, Foto © Henry Maitek. Deutsches Tanzarchiv Köln, Bestand 93 Gise Furtwängler.

Radikal-ästhetisch der eine, innovativ-poetisch der andere – unzufrieden mit dem Zustand der Tanzkunst in Deutschland waren beide. Und während auf den Straßen Westdeutschlands eine junge Generation vehement gesellschaftliche Veränderungen einforderte, machten sich die beiden Nachwuchskünstler fortan daran, in den Theatern und auf den Bühnen die Welt des Tanzes in Deutschland zu verändern.
Zwei Stücke – O sela pei und Paradies? – genügten Johann Kresnik, um das Kölner Opernpublikum nachhaltig zu verstören und den Bremer Intendanten Kurt Hübner für sich einzunehmen, der den Choreographen prompt vom Rhein an die Weser engagierte.
Jochen Ulrich hingegen pflegte früh ein kontinuierlich wachsendes choreographisches Repertoire und gründete gemeinsam mit anderen jungen Tänzern und Choreographen – Helmut Baumann, Jürg Burth und Gray Veredon – im Jahr 1971 das Tanzforum an der Kölner Oper, die erste nichtklassisch arbeitende Ballettcompagnie an einem Stadttheater.
Unsere beiden Archivalien des Monats verweisen auf diese Momente des Aufbruchs in Köln und auf eine Zeit, in der der angehende Choreograph Johann Kresnik „keine Lust mehr hatte, eine Tänzerin von links nach rechts über die Bühne zu schleppen“ und eine junge Generation von Choreographen um Jochen Ulrich mutig die Chance ergriff mit einer reformierten Institution zu neuen Formen und Inhalten des Tanzes aufzubrechen.

Jochen Ulrich (1944–2012) wäre am 3. August 2019 75 Jahre alt geworden. Johann Kresnik (1939–2019) verstarb am 27. Juli 2019 im Alter von 79 Jahren.

Thomas Thorausch


Jochen Ulrich bei einer Probe zu Da Capo, Städtische Bühnen Köln, Spielzeit 1969/1970, Foto © Wolfgang Strunz. Deutsches Tanzarchiv Köln, Bestand 432 Archiv Jochen Ulrich.