Körper und Bewegung allein im Dienste der Musik? Nein! Das kann nicht sein! In der Dachstube des Hauses Nr. 19 der Straße „Am Grünen Zipfel“ rebelliert eine junge Frau im Jahr 1911 gegen diese ihr unsinnig erscheinende Festlegung. Sie experimentiert und improvisiert. Ohne Musik! Das kleine Zimmer wird ihr zur Tanzstudierstube: Ideen vom Tanz entstehen, werden erprobt, verworfen oder erweitert. Als „heimlich-sehnsüchtige Vorbereitung“ ihrer Überzeugung wird sie diese Lebensphase später einmal charakterisieren.
Noch im Herbst des Vorjahres war die junge Tänzerin mit Namen Marie Wiegmann hoffnungsfroh von Hannover nach Dresden gezogen, genauer gesagt in den Vorort Hellerau, einer im Entstehen begriffenen Gartensiedlung vor den Toren der Stadt. Hier hatte sich unter der Leitung von Émile Jaques-Dalcroze ein neues Zentrum der Lehre von der Rhythmischen Gymnastik angesiedelt – wie die gesamte Siedlung einem "Leben in Schönheit" verbunden.
Nach Abschluss der Studien kann man dort ein entsprechendes Lehrdiplom erwerben – ein erster Schritt in eine spätere berufliche Selbständigkeit als Gymnastik-, Klavier- oder Gesangslehrerin. Natürlich wird erwartet, dass die Schülerinnen der Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze "vor Ort" wohnen. Dazu mieten Marie Wiegmann und drei ihrer Mitschülerinnen – Ada Bruhn, Erna Hoffmann und Elsy Knüpffer – eines der kleinen Wohnhäuser in der Straße „Am Grünen Zipfel“. Das „Dreimäderlhaus“, wie die junge Frau es liebevoll nennt, wird fortan zum Ort leidenschaftlicher Diskussionen über Kunst und Tanz.
Doch die Ausrichtung des Unterrichts allein auf Musikerziehung genügen der angehenden Künstlerin schon bald nicht mehr. Später, als sie sich längst Mary Wigman nennt, erinnert sie sich: „Alles was mit der Musikalität und mit der musikalisch-rhythmischen Erziehung bei Jaques-Dalcroze und seiner Methode zu tun hatte, interessierte mich einen Dreck. Was mich interessierte, war nur die Tatsache, dass einem gesagt wurde: Nun sagen Sie das einmal mit Ihrem Körper.“



Einer wachsenden Skepsis zum Trotz schließt sie ihr Studium ab und hält im Sommer 1912 ihr Lehrerinnen-Diplom in Händen … und flieht! Weg von der Einengung durch die Musik, hin zum freien Tanz, zur freien Bewegung. Auf den Monte Verità und in eine Gemeinschaft von Lebensreformern, in der man ebenfalls vom neuen Tanz träumt. Dort begegnet sie dem Tanzreformer Rudolf von Laban und lernt, zu tanzen. Endlich! „Es war, als käme ich nach Hause!“ wird sie sich später erinnern. Neuer Tanz und neues Leben.
Dass sie Jahre später nach Dresden zurückkehren wird, um dort eine tanzprägende Schule zu eröffnen, ahnt Mary Wigman zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Die Ansichtskarte mit der Reproduktion des Gemäldes eines ortsansässigen Landschaftsmalers sowie Informationen zur Gartenstadt Hellerau auf der Rückseite diente ursprünglich als Werbepostkarte der Baugenossenschaft Hellerau, die 1911 die Vermietung von Wohnungen in Einfamilienhäusern mit diversen Werbematerialien (Annoncen, Postkarten und Plakaten) propagierte. Mit der Kennzeichnung des Wohnhauses und der Aufschrift „Dreimäderlhaus“ hat Mary Wigman dieser kurzen, aber intensiven Phase ihres Lebens wie auch ihren Mitschülerinnen und -bewohnerinnen ein kleines Denkmal gesetzt.
Im Deutschen Tanzarchiv Köln ist die Ansichtskarte, die wahrscheinlich eine Beilage eines Briefes von Mary Wigman an ihre Eltern war, Teil des Bestands Nr. 65 / Familienarchiv Mary Wigman und trägt die Objektnummer 34146.
Das Haus, das Mary Wigman bewohnte, befand sich noch im Jahr 1992 in einem beklagenswerten Zustand. Heute ist es mustergültig renoviert. Fotografiert wurden Haus- und Straßenansicht am 7. Juni 2019 – nach Abgleich mit der Postkarte – von der Dresdner Tänzerin und Choreographin Katja Erfurth.

Thomas Thorausch