Früh begannen Tänzer und Pädagogen ihr Wissen um den Tanz schriftlich festzuhalten und weiterzugeben; sei es, dass sie Schrittfolgen, Körperbewegungen und Haltungen mittels einer „Tanzschrift“ zu notieren suchten, oder dass sie Gedanken zur Entstehung und Praxis von Tänzen und Choreographien in Briefen und Notizbüchern niederlegten oder publizierten.

Diese Tradition führte 1873 zur Gründung der ersten eigenständigen Bibliothek für den Tanz in Deutschland an der Akademie der Tanzlehrkunst in Berlin, wo auch geplante Publikationen oder Tanznotationssysteme – wie das von Friedrich Albert Zorn – gemeinsam diskutiert wurden. Im Laufe der Jahre wurde diese private Bibliothek durch zahlreiche Sammlungen von Tänzern und Choreographen bereichert und in den 1930er Jahren als (öffentliches) Deutsches Tanzarchiv mit Tanzbibliothek an den Deutschen Meisterstätten für Tanz in Berlin unter der Leitung des Tanzhistorikers Fritz Böhme fortgesetzt.


Foto: Susanne Fern, Köln

In der Nacht vom 1. auf den 2. März 1943 verbrannte das Berliner Tanzarchiv bei einem britischen Luftangriff komplett. Es umfasste beispielsweise fast 2.500 Blatt an Handzeichnungen und Druckgraphik. [1]  Nur die umfangreiche „Sammlung Gebauer“ mit Ausschnitten, Programmen, Fotos und Fotopostkarten, die ein Depositum von Berthe Trümpy war und vor Kriegsausbrauch abgezogen und in die Schweiz verbracht wurde, überstand den Weltkrieg (heute wieder im Tanzarchiv). Die nach dem Verlust neu begonnene Sammlung vor allem von Tanzbüchern wurde nach Burg Seeberg (im ehemaligen „Reichsgau“ Sudetenland) ausgelagert und dort geplündert. Einige wenige Bücher daraus gelangten sehr viel später zurück ans Tanzarchiv.

Kurt Peters (10.8.1915 - 2.2.1996) Kurt Peters (10.8.1915 - 2.2.1996)
© Foto: Annelise Löffler

1948 begann der Tänzer und Pädagoge Kurt Peters 1948 mit dem Aufbau eines neuen Tanzarchivs in Hamburg, mit dem er 1965 auf Betreiben des Kulturamts nach Köln umzog. Seine intensive Sammlungstätigkeit ließ im Laufe der Jahre eine international renommierte Tanzsammlung entstehen, die 1985 von der SK Stiftung Kultur der Stadtsparkasse Köln erworben und gemeinsam mit der Stadt Köln als Informations-, Dokumentations- und Forschungszentrum für Tanz einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Wissenschaftler, Studenten, Journalisten, Tänzer, Choreographen, Pädagogen, Museen, Verlage und Ballettliebhaber aus aller Welt nutzen heute das breite Spektrum der Bestände, um beispielsweise ein unbekanntes Tanzlibretto von Klaus Mann, ein seltenes Foto von Igor Strawinsky oder handschriftliche Notizen von Oskar Schlemmer zum „Triadischen Ballett“ einsehen zu können. Neben der Bewahrung von Zeugnissen der Tanzkunst widmet sich das Deutsche Tanzarchiv Köln verstärkt der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Präsentation dieser Dokumente in Ausstellungen, Publikationen und auf seinen Webseiten.

„Alle Kunst lebt von der Erneuerung. Jede Weiterentwicklung, jede Avantgarde basiert auf dem Traditionellen, bereits Dagewesenen, ehemals Avantgardistischen. Und so ging und geht jeder künstlerischen Meisterschaft in der Regel ein ausführliches Studium der bisherigen Meister und ihrer Werke voraus. In der Tanzkunst ist dies nicht anders, nur dass der Tanz durch seinen transitorischen, ‚flüchtigen‘ Charakter die am schwersten zu dokumentierende aller Künste ist. Ein Tanzarchiv ist der Versuch, das Gedächtnis der Tanzkunst zu sein.“

Frank-Manuel Peter - Leiter des Deutschen Tanzarchivs Köln seit 1986

[1] Zum Vergleich: Die Dance Collection der New York Public Library hatte 1946 erst 25 dance prints im Bestand