Recherchiert von Judith Ouwens und Sonia Franken im Rahmen einer Übung im M.A.-Studiengang Tanzwissenschaft (Modul: Historiographie) an der Hochschule für Musik und Tanz Köln im SS 2011.

 

Familie

Gertrud Oswald wurde 1912 in Berlin geboren. Sie war die Tochter von Elisabeth Donath-Oswald (geborene Breuer) und Bernhard Oswald. Ihr Vater und auch der zweite Ehemann ihrer Mutter waren Musiker (Organist und Pianist). Ihre jüngere Schwester Elisabeth wurde Sängerin. Gertrud Oswald war mit dem Schauspieler Hubert Suschka verheiratet, mit dem sie einen Sohn hatte.

Gertrud selbst war künstlerisch vielseitig begabt und interessiert, sie malte, komponierte, dichtete und tanzte. Sie wurde von Jutta Klamt zur Tänzerin ausgebildet und erhielt ihre ersten Solorollen in der Jutta Klamt Kammertanzgruppe. Vor dem Krieg galt die Jutta Klamt Schule als eine der wichtigen Ausbildungsstätten für modernen Tanz in Berlin, hier erhielt sie ihr Diplom für Gymnastik und künstlerischen Tanz. Die erste Matinée mit eigenen Stücken zeigte sie im März 1941 in der Berliner Volksbühne. Neben etablierten Künstlern wie Harald Kreutzberg und Mary Wigman bestand die damalige Nachwuchschoreographin und wurde von der Kritik gefeiert. H. H. Stuckenschmidt befand zu einem Tanzabend im Prager Ständetheater:

„Die junge Berliner Tänzerin Gertrud Oswald […] hat bei ihrem Prager Debut die ungeteilte Neigung des Publikums und das Interesse der Kenner geweckt. Nicht nur, weil von dem ebenmäßigen schlanken Körper, dem etwas exotischen Gesicht ein lebhafter fluidaler Reiz ausgeht, sondern weil dieser Körper technisch und ästhetisch beherrscht wird von starkem eigenen Ausdruck. […] Der ästhetische Reiz aller Tänze ist ungemein; er lebt auch in den teilweise herrlichen Kostümen, lebt in den ausdrucksvollen Händen, in den geistvollen, schönen, oft überraschenden Finalstellungen.“

Gertrud Oswald in einem ihrer frühesten solistischen Tänze, noch ganz im Stil der Jutta Klamt-Schule. Gertrud Oswald in einem ihrer frühesten solistischen Tänze, noch ganz im Stil der Jutta Klamt-Schule.
Foto: © Siegfried Enkelmann / VG BildKunst, Bonn
Gertrud Oswald in einem ihrer frühesten solistischen Tänze, noch ganz im Stil der Jutta Klamt-Schule.
Gertrud Oswald tanzt, Konzertsaal der Hochschule für Musik, Berlin, 29. Februar 1964 (Plakat).
© Deutsches Tanzarchiv Köln

Gertrud Oswald tanzte zu Kompositionen von Brahms, Dvorak, Mussorgski, Chopin und Beethoven und wurde bei ihren Auftritten immer live mit Klavier oder Flügel begleitet. Während des zweiten Weltkrieges zeigte sie ihre Programme unter anderem bei „Kraft durch Freude“-Veranstaltungen der NS. Es gibt Belege für eigene Tanzabende u. a. in Wien, Prag, Gablonz und Karlsbad. Zuletzt trat sie Mitte der 1960er Jahre in der Hochschule für Musik in Berlin auf.

Außerdem unterrichtete Gertrud Oswald Gymnastik und künstlerischen Tanz, unter anderem Ende der 1940er Jahre an der Schauspielschule des Deutschen Theaters (Max Reinhardts Deutsches Theater und Kammerspiele).

Gertrud Oswald tanzt. Um 1939/40. Gertrud Oswald tanzt. Um 1939/40.
Foto: © Siegfried Enkelmann / VG BildKunst, Bonn
Gertrud Oswald tanzt. Um 1939/40.

Unter Überschriften wie „Gelebte Tanzkunst“, „Getanzte Gedichte“ und „Der Tanz als Seelensprache. Die tönende Idee in sichtbares Gestalten umgeformt“ wurden in den 1930er und 1940er Jahren besonders ihre Musikalität, fröhliche Mimik und die selbstentworfenen Kostüme hervorgehoben. Ihre letzten Aufführungen fanden in der Berliner Hochschule für Musik statt. Ihr Ausdruckstanz schien nicht mehr in die Zeit zu passen, und verschiedene Kritiker äußerten sich negativ über das, was vorher gelobt wurde. Die Kritiken von 1965 mit Überschriften wie „Tänzelei – Ein Abend mit Gertrud Oswald“ oder „Grazie, doch Mangel an Ideen“ verraten, dass sich zwar nicht Oswalds Programm, jedoch die Sichtweise des Publikums deutlich verändert hatte.

Tanzabend von Gertrud Oswald in Prag Tanzabend von Gertrud Oswald in Prag: „Der ästhetische Reiz aller Tänze ist ungemein; lebt in den ausdrucksvollen Händen, in den geistvollen, schönen, oft überraschenden Finalstellungen.“ Rezension von Hans Heinz Stuckenschmidt (wahrscheinlich in: „Der Neue Tag“. Um 1940)
© Deutsches Tanzarchiv Köln
Tanzabend von Gertrud Oswald in Prag

Der Vorlass im Deutschen Tanzarchiv Köln umfasst Fotos (hauptsächlich aufgenommen von Siegfried Enkelmann), Programmhefte, Kritiken, Briefe (u.a. von Ernst Legal, Erwin Piscator, Carl Diem, Paul Bildt und Grete von Zieritz), Bescheinigungen sowie einige Familiendokumente. Außerdem ist u.a. ein von ihr für ihre Schwester zusammengestelltes Fotoalbum mit vielen Kopien sowie Postkarten, privaten Fotos und Familiendokumenten nebst handschriftlichen Kommentaren von Gertrud Oswald vorhanden. Zusätzlich sind sieben Ringbücher mit Kompositionen von Gertrud Oswald im Bestand.

Frau Oswald hat die meisten Dokumente des Vorlasses selbst dem Deutschen Tanzarchiv Köln zur Verfügung gestellt. Vieles ist undatiert und daher nur bedingt chronologisch sortierbar. Die Zusammenstellung des Fotoalbums folgt einer persönlichen, nicht leicht nachvollziehbaren Logik.

Brief von Erwin Piscator an die Tänzerin Gertrud Oswald, 1956. Brief von Erwin Piscator an die Tänzerin Gertrud Oswald, 1956.
© Deutsches Tanzarchiv Köln
Brief von Erwin Piscator an die Tänzerin Gertrud Oswald, 1956.