„Ich spürte […] jederzeit seine Passion für den Tanz, seine hohe Kompetenz und nicht zuletzt seine Integrität und stets überaus freundliche Kollegialität, weitab von jeder Allüre. Nach meinen Erinnerungen war er ein hochangesehener Kritiker, dessen Engagement und Urteil die Frankfurter Tanz-Szene nicht wenig zu verdanken hatte.“[1]

Wer in die Biografie von Roland Langer, 1943 in Breslau geboren, blickt, entdeckt hinter dem Beruf des Facharztes für Innere Medizin (Approbation 1972, Promotion 1973) die zahlreichen Facetten eines Tanz- und Ballettliebhabers, der es verstand, diese Leidenschaft als Tanzkritiker, Lehrbeauftragter für Anatomie, Psychologie und Tanzgeschichte sowie als Sammler u.a. von Graphiken von Ernst Oppler auszuleben und kritisch zu vermitteln.

Bundesweit kannte man ihn vor allem als Tanzkritiker, Autor von Hunderten von Besprechungen, der seit 1964 in Frankfurt lebte und bereits Anfang der 1970er Jahre als freier Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau, des Wiesbadener Kurier und anderer Zeitungen aktiv war. Mit Fug und Recht kann man sagen, dass Roland Langer sich in den frühen 1980er Jahren als eine feste Institution im Tanzgeschehen des Rhein-Main Gebietes etabliert hatte und lange Zeit über jede wichtige Premiere im Land geschrieben hat.

Spätestens in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre dürfte Langer, der bereits als Jugendlicher Oper und Theater liebte, seine Leidenschaft für Tanz und Ballett durch die Begeisterung für Heidrun Schwaarz entdeckt haben, die von 1965 bis 1970 in Frankfurt tanzte.

Im Jahre 2020 gelangte ins Deutsche Tanzarchiv Köln eine umfangreiche Schenkung an Digitalisaten seiner Kritiken, zwischen 1995 und 2004 veröffentlicht. Diese Sammlung fügt sich kongenial in den Grundstock gedruckter Kritiken, die der Zeitschriftenbestand des Tanzarchivs verzeichnet. Langers Rezensionen erschienen bis 1995 für das monatliche Periodikum Ballett Journal/Das Tanzarchiv, das auf indirekte Weise die Fortsetzung von Das Tanzarchiv von Kurt Peters darstellte.

Langer berichtete über Tanzabende weit über das Rhein-Main-Gebiet hinaus: Ein Auftrag konnte ihn zu den Wiesbadener Maifestspielen, aber auch nach Stuttgart, Essen oder Bonn, Leipzig, Weimar bis hin nach Brüssel oder Paris führen.

Prof. Egbert Strolka, bis 1998 Direktor der Tanzabteilung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, erkannte in ihm nahezu einen „Renaissance-Menschen“ von Universalkultur. Das ließen seine Rezensionen, vor allem diejenigen für die Zeitschriften ab Mitte der 1980er Jahre, immer wieder erkennen.

Mit seinem umfangreichen Wissen ermöglichte er seiner Leserschaft ein genaueres Verständnis der Aufführungen: beispielsweise begleitete er eine Ballettvorstellung durch eine fundierte tanzhistorische Einführung. Langers Prosa war gleichzeitig schnörkellos, präzise in der Beschreibung der Tanz- und Ballettabende, solide und knapp in der Begründung seines Urteils als Rezensent. Den Etappen in der Frankfurter Karriere William Forsythes, ab 1984, begegnete er ambivalent, mal mit mehr, mal mit weniger Enthusiasmus. Die Besprechungen zu Martin Schläpfers Balletten aus seiner Mainzer Zeit sprudeln vor Begeisterung.  Einen gelungenen Tangoabend oder das Tanztheater von Wanda Golonka und V. A. Wölfl wusste er ebenfalls für sich und für die Lesenden zu würdigen. Die „spitze Feder“ setzte jedoch der enttäuschte Langer manchmal ein, ohne dabei verletzen zu wollen. So beschrieb er beispielsweise das Ende der Stuttgarter Ballett-Ära Marcia Haydee und drückte seine skeptische Vorahnung zum bevorstehenden Neuanfang mit Reid Anderson aus: „Ein Mythos garantiert keine Zukunft“. Der Schluss seiner Kritiken war meist, nach einer zusammenfassenden Bewertung, den Reaktionen des Publikums gewidmet.

Nicht zuletzt aufgrund seiner Qualitäten im zweiten Beruf erfuhr Roland Langer die Kollegialität seitens weiterer Tanz- und Ballettkritiker, die ihn als einen „überaus freundlichen Mann, der immer etwas Sonniges hatte, gut gelaunt war (…), kaum ein böses Wort über jemanden fand“ (Hartmut Regitz) bezeichneten und ihn als inter pares betrachteten. Und ebenfalls wie andere Tanzkritiker – Horst Koegler nahm es 2003 bitter vorweg[2] – hörte Langer vermutlich wegen personeller Veränderungen in der Presselandschaft mit dem Publizieren auf.

Die persönliche Seite der Ballettprotagonisten versuchte er, wo dies in seinen Augen angebracht war, zu würdigen. So ließ er es sich nicht nehmen, einen Nekrolog zum Tode Margot Fonteyns (1991) zu verfassen, den er mit Informationen vervollständigte, die ihm Rudolf Nurejev im Gespräch anvertraut hatte.[3] In seinem Nachruf bezeichnete er die Tänzerin, von der in Langers Nachlass ein Plakat mit Widmung zu finden ist, als „Die Ballerina“ schlechthin.

Von 1979 bis 2001 unterrichtete Roland Langer als bei den Studierenden beliebter Lehrbeauftragter an der HfMDK in Frankfurt am Main. So hatte er bereits 1985 die Hochschule auf Gastreise nach Armenien als Arzt begleitet.  Dies war nicht das erste Mal, dass er mit einem Tanzensemble tourte: 1980 war er mit dem Frankfurter Ballett nach New York gereist.
Als Frankfurt schon lange keine städtische Tanzcompagnie mehr hatte, war er bis zu seiner schweren Erkrankung 2017 regelmäßig als Notfall-Theaterarzt an der Oper präsent, womit er vielleicht seine vielfältigen Berufe und Berufungen auf ideale Weise vereinigen konnte.

Donatella Cacciola


[1] Gerhard R. Koch, ehemaliger Musikredakteur der FAZ in einem Statement vom März 2019.

[2] Horst Koegler, „[…] Beunruhigt hatte mich aber durchaus, zu sehen, wie ein Mann vom Format Helmut Scheiers so peu à peu aus seiner Kölner Zeitung herausgedrängt wurde oder Roland Langer aus seinem Frankfurter Blatt“, in: Par l’ordre de Moufti oder der Fall des Jochen Schmidt, 07. 03. 2003, veröffentlicht im Koeglerjournal, Tanznetz, https://www.tanznetz.de/blog/3831/par-l%2525c2%2525b4ordre-de-moufti-oder-der-fall-des-jochen-schmidt (02. 03. 2021)

[3] Ballett-Journal/Das Tanzarchiv. Jahrg. 39, Nr. 2, Apr. 1991, p. 56-57. ill.