von Frank-Manuel Peter

Leider hat Emil Stumpp im Gegensatz zu seinem Kollegen und Konkurrenten B. F. Dolbin offenbar nur drei Tänzer gezeichnet: Tatjana Barbakoff, Jutta Klamt und die heute fast unbekannte Marion Herrmann. Aber dafür porträtierte er manche Persönlichkeit der Zeit, die auch mit dem Tanz im Zusammenhang gesehen werden kann: Komponisten wie Igor Strawinsky, Darius Milhaud oder Egon Wellesz, oder bildende Künstler, die ja oft in einzelnen Werken auch Tanz und Tänzer dargestellt haben (wie beispielsweise Max Slevogt oder Otto Dix oder die Illustratorin Dora Brandenburg-Polster, welche die Zeichnungen für das bahnbrechende Buch ihres Mannes von 1913 über den modernen Tanz anfertigte). Eine wirkliche Entdeckung sind aus heutiger Sicht aber seine bisher kaum gewürdigten Porträts von etlichen Schriftstellern, die über Tanz publizierten, wie Hans Brandenburg, Hans W. Fischer, Fred Hildenbrandt, Alfred Richard Meyer, Fernand Divoire und Theaterkritiker wie Alfred Kerr und Herbert Ihering.

Ansonsten wird zu den Tausenden der von ihm geschaffenen Porträtzeichnungen immer wieder zusammenfassend geschrieben: „Es gibt nur wenige Prominente der zwanziger Jahre, die Emil Stumpp (…) nicht gezeichnet hätte.“ [1] oder „(…) war dieser Maler, Journalist und Zeichner im ersten Drittel unseres Jahrhunderts Millionen von Menschen ein Begriff: gab es doch (…) kaum eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, die er nicht gezeichnet hatte und deren Porträt darauf nicht in irgendeiner in- oder ausländischen Publikation vervielfältigt wurde.“ [2] Oder: „Er gab nicht nur bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik, Diplomatie, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Sport ein markantes Gesicht, auch die ‚Köpfe der Friedensbewegung‘ fanden nicht selten auf der Titelseite Platz (…).“[3]

Tatjana Barbakoff. Tatjana Barbakoff.
© Emil Stumpp / Deutsches Tanzarchiv Köln

Der zunächst als Kunsterzieher tätige Stumpp entschied sich 1924 für eine freischaffende Tätigkeit. „Zehntausende Zeichnungen entstehen. In der Presse sind seine Porträts häufig zu sehen, vor allem der linksbürgerliche ‚Dortmunder Generalanzeiger‘ ist sein Hauptauftraggeber.“[4] „Emil Stumpp hat der legendären Figur des ‚Pressezeichners‘ neue Qualitätsmerkmale, eine stärkere künstlerische Note hinzugefügt, die vor allem aus der Anerkennung seiner Persönlichkeit durch die Porträtierten erwuchs (…).“[5]

„Der Umgang mit progressiven Kulturschaffenden, zu denen u.a. auch Tucholsky, Brecht und Ossietzky gehörten, seine offen bekundete Sympathie für die Sowjetunion machten ihn dem Naziregime verdächtig, das Stumpp der Verfolgung aussetzte, mit Arbeitsverbot belegte und in dessen Haft er 1941 starb“, heißt es 1986 im offiziellen Vorwort einer Ausstellung in der DDR.[6] Vorausgegangen war u.a. im August 1940 eine engagierte briefliche Auseinandersetzung mit Dr. Eberhard Sarter von der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“, der in einem Artikel die Kulturleistungen der „Feinde“ herabgesetzt hatte. Stumpp schrieb u.a.: „Den Feind zu schmähen hat noch nie etwas ausgerichtet. Es schadet nur uns selbst. (…) Auch die größten Eroberungszüge der Weltgeschichte legten nie Zeugnis für Kultur ab, wohl aber vernichteten sie Kultur. Die Berechtigung, über Kultur schreiben zu dürfen, muß stets von neuem erworben werden. Man begibt sich dieser Berechtigung, wenn man so heruntersteigt wie Sie in Ihrem Artikel. (…)“[7]

Igor Strawinsky. Igor Strawinsky.
© Emil Stumpp / Deutsches Tanzarchiv Köln

Emil Stumpp benötigte von seinen Porträts jeweils eine gewisse Anzahl, um sie aktuell und ggf. gleichzeitig an verschiedene Redaktionen versenden und auch an die Dargestellten und andere Interessenten verkaufen zu können. Er hat hierfür vor allem die Lithographie genutzt, und zwar die Technik der Umdruck-Lithographie, auch Autographie genannt. „Die Künstler benutzen dafür ein spezielles Umdruckpapier, das zwar aus gewöhnlichem Zeichenpapier besteht, aber auf der Vorderseite mit einer Kleisterschicht präpariert ist. Der wesentliche Vorteil des Verfahrens liegt für den Künstler nicht nur darin, dass es ihn unabhängig von Druckort und Druckzeit macht, sondern vor allem auch darin, dass er seitenrichtig arbeiten kann. Die fertige Zeichnung wird nämlich erst später mit dem Gesicht auf die leicht erwärmte und angefeuchtete Druckplatte gelegt, mit Wasser aufgeweicht, angepresst und schließlich abgewaschen, so dass auf der Platte ein perfekter, nun seitenverkehrter Abklatsch der Zeichnung entsteht.“[8]

Der Druckabzug davon ist dann wieder seitenrichtig. Das hat auch den Vorteil, dass sich Stumpp von den Porträtierten durch deren zusätzliche Signatur unter seiner Zeichnung eine gewisse Bestätigung der Authentizität und Anerkennung holen konnte. Bei der herkömmlichen Technik der Künstlerlithographie hätte die Signatur seitenverkehrt auf den Stein gezeichnet werden müssen (oder man hätte die Herstellung der einzelnen Druckabzüge abwarten und diese in einem zweiten Termin alle einzeln signieren müssen). Das Verfahren der Umdruck-Lithographie ist selten von Künstlern genutzt worden, so dass heute manchmal im Kunsthandel gerade auch wegen der seitenrichtigen Signatur der Dargestellten diese Lithographien versehentlich für Kohle- oder Kreidezeichnungen (Unikate) gehalten werden.

Hans Brandenburg. Hans Brandenburg.
© Emil Stumpp / Deutsches Tanzarchiv Köln

Das Deutsche Tanzarchiv Köln besitzt eine kleine Sammlung von bisher 24 Lithographien.

[1]   Kurt Schwaen (Hrsg.): Emil Stumpp: Über meine Köpfe. Texte, Porträts, Landschaften. Berlin 1983, vorderer Klappentext.

[2]   Detlef Brennecke, Michael Stumpp (Hrsg.): Emil Stumpp. Ein Zeichner seiner Zeit. Berlin, Bonn 1988, S. 9.

[3]   Reinhold Lütgemeier-Davin: Köpfe der Friedensbewegung (1914–1933). Gesehen von dem Pressezeichner Emil Stumpp. Essen 2016, Rückumschlag.

[4]   Kurt Schwaen: Vorwort zu: Emil Stumpp. Lithographien. Porträts der zwanziger und dreissiger Jahre. Katalog, Staatlicher Kunsthandel der DDR, Berlin 1983, n. p.

[5]   Emil Stumpp. Chronist seiner Zeit. Zeichnungen, Druckgrafiken, Aquarelle von 1918–1940. Katalog, Kunsthalle Rostock 1986, S. 3.

[6]   Klaus Tiedemann, Direktor der Kunsthalle Rostock, a.a.O.

[7]   Schriftlicher Nachlass im Institut für Zeitungsforschung, Bd. 2a, Bl. 32(2)–33. Zitiert nach: Kurt Schwaen: Emil Stumpp. In: Karen Peter (Bearb.): Emil Stumpp: Pressezeichnungen. Bilder der Weimarer Zeit. Essen 1996, S. 10–13, hier S. 11f.

[8]   Ulrich Apolte: Emil Stumpp – Der Künstler und seine bevorzugte Technik. In: Karen Peter (Bearb.): Emil Stumpp: Pressezeichnungen. Bilder der Weimarer Zeit. Essen 1996, S. 14–18, hier S. 16.