von Brigitte Steinmann (Hannover, im März 2009)

Für Mimi Scheiblauer selbst galt nicht der 7. Mai, sondern der Himmelfahrtstag als Geburtstag 1891 in Luzern. Das hochbegabte, eigenwillige und kontaktarme Einzelkind wurde von ihren Eltern, einem österreichischen Bahningenieur und einer Postbeamtin aus dem Emmental, individuell geistig und künstlerisch gefördert und bis ins Erwachsenenalter begleitet. Früher Klavierunterricht und Teilnahme am Rhythmikunterricht trugen zu ihrer Studienwahl bei. Sie folgte 1910 Emile Jaques-Dalcroze, dem Begründer der „rythmique gymnastique“ in Genf, in die Gartenstadt Hellerau bei Dresden, wohin dieser als Mitbegründer eines neuen Lebensgefühls und Umganges mit Kunst gerufen wurde. Dort schloss sie 1911 das Rhythmikstudium mit dem Diplom ab.

In Hellerau hatten zur gleichen Zeit Berufswege im Tanz wie die von Mary Wigman oder Susanne Perrottet begonnen. Während für Jaques-Dalcroze (1865-1950) die Musik an erster Stelle stand, erkannten seine Schüler die Bewegung als ursprüngliche Kraft des künstlerischen Ausdrucks, und einige von ihnen fanden bei Rudolf Laban (1879-1958) mehr dazu. Viele Spuren der unterschiedlichsten Künstler, Ärzte und Pädagogen, die zwischen 1910 und 1912 in Hellerau oder Dresden arbeiteten, tagten oder nur kurz zu Gast waren, lassen sich in aller Welt finden. Ihr Einfluss auch auf die jungen Menschen im Rhythmikstudium war enorm. Die zahlreichen Dalcroze-Schüler gingen anschließend – mit oder ohne Diplom-Abschluss - eigene Wege im Tanz, im Theater, in der Tanz- oder Musikpädagogik. Zu letzteren gehörte auch Mimi Scheiblauer. Sie blieb aber der Rhythmik im Grunde treu, vertiefte und entwickelte im Laufe ihres Lebens diese Arbeitsweise mit der Einheit von Musik und Bewegung weiter. Aufgrund ihrer hervorragenden Klavierimprovisation und erfolgreichen Lehrerfortbildungen wurde sie 1912 vom Komponisten Friedrich Hegar als Lehrkraft für Klavier, Rhythmik und Solfège als erste Frau an das Konservatorium Zürich berufen, wo sie bis zu ihrem Tode am 13. November 1968 wirkte.

Ein Kind steigt duch den rollenden Reifen Ein Kind steigt duch den rollenden Reifen
Foto: © Eckhard Bohtz / Deutsches Tanzarchiv Köln
Ein Kind steigt duch den rollenden Reifen

Aus ihrer Schülerschar wuchsen die ersten heran, die ein Rhythmikstudium aufnehmen wollten. Deshalb wurde 1926 das Rhythmikseminar am Konservatorium Zürich unter der Leitung von Mimi Scheiblauer eröffnet, das bald in separate Räume verlagert wurde. Über viele Jahre unterrichteten in einem Hinterhaus kurioserweise im ersten Obergeschoss Scheiblauer ihre Rhythmik und im Erdgeschoss Susanne Perrottet ihre tänzerische Körperbildung. Während in der ersten Ausbildungsklasse außer der Musik die Aspekte und Methoden der Bewegungsbildung sowie die Bewegungsarbeit im Freien eine große Rolle spielten, fand Scheiblauer immer mehr Inhalte und Themen, die sie für eine umfassende Ausbildung von Rhythmikern notwendig erachtete. Dafür bildete sie sich selbst fortlaufend in Philosophie, Psychologie, Medizin und Musikpädagogik weiter, hielt internationale Kontakte zu Musikern und Pädagogen und lud Fachkräfte in ihren Unterricht ein oder ließ sie in ihrer Zeitschrift „Lobpreisungen“ zu Worte kommen.

Szenenprobe zu ‚Annebäbeli‘ von Mimi Scheiblauer Szenenprobe zu ‚Annebäbeli‘ von Mimi Scheiblauer
Foto: © Alice Ott / Deutsches Tanzarchiv Köln
Szenenprobe zu ‚Annebäbeli‘ von Mimi Scheiblauer

Nachdem Scheiblauer 1922 begonnen hatte, Schulklassen mit schwierigen Kindern in Rhythmik zu unterrichten, wurde sie 1924 durch Heinrich Hanselmann, Inhaber des ersten Lehrstuhls für Heilpädagogik in Zürich, zur intensiven Auseinandersetzung mit behinderten Menschen angeregt. Hanselmann verpflichtete Scheiblauer als Dozentin an seinem Seminar und riet ihr zur Einfachheit in der Arbeitsweise. In der Folge - natürlich in erster Linie durch die Begegnung mit Schülern mit unterschiedlichsten Behinderungen - reduzierte sie beispielsweise die Übungsanleitungen zu Gunsten der Anregung der Schüler zum eigenen Experimentieren und Denken. Sie gab der Musik noch mehr Raum als Führung von Spiel und Gemeinschaft und nahm Spielgeräte zur Kontaktaufnahme und Bewegungsfindung hinzu. Dies gelang ihr auch dank der scharfen Beobachtungsgabe und der hohen musikalischen Ausdruckskraft. Regelmäßig unterrichteten nun sie und ihre Schülerinnen in Landerziehungsheimen, in einer Psychiatrischen Klinik, ab 1926 in Schulen für Gehörlose und für Blinde sowie nach Kriegsende speziell mit Flüchtlingskindern. Über die Jahre entwickelte sich daraus Scheiblauers innigster Appell an alle, jedes Leben als lebenswert zu erachten. In Kursen und Vorträgen sowie mit einer für jedermann offenen Tür zu ihrem Unterricht verbreitete sie ihr Anliegen international und vergaß dabei oft, die Notwendigkeit der bewegungsmäßigen und musikalischen Ausbildung der Pädagogen anzumahnen.

Ein gehörloses Mädchen "hört" am Tamburin, was Mimi Scheiblauer am Klavier spielt Ein gehörloses Mädchen "hört" am Tamburin, was Mimi Scheiblauer am Klavier spielt
Foto: © Deutsches Tanzarchiv Köln

Während Scheiblauer in der Öffentlichkeit im deutschsprachigen Ausland hauptsächlich wegen der Konzentration auf Menschen mit Behinderungen wahrgenommen wurde, widmete sie sich doch hauptsächlich der fundierten, praxisorientierten Ausbildung ihrer Studierenden, den Kinderklassen mit den sich verändernden pädagogischen Herausforderungen und musikalisch-künstlerischen Aufgaben. Zwischen 1912 und 1947 gestaltete Scheiblauer viele Tanzspiele und Tanzszenen in großen und kleinen Rhythmikaufführungen. Weiter entwickelte sie Choreographien für Festspiele und Volksfeste. Ein Höhepunkt davon war das Volksliederspiel „Annebäbeli lupf de Fuess“ mit 500 Mitwirkenden für die Schweizerische Landesausstellung 1939. Besonders zu erwähnen ist die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Hans Zimmermann am Stadttheater Zürich, wo sie Bewegungschöre schuf für Glucks „Orpheus und Eurydike“ (1932), Mozarts „Idomeneo“, Honeggers „Amphion“, Schoecks „Venus“, für die Uraufführung Schönbergs „Moses und Aron“ (1957) und viele mehr. In den Jahren 1951-54 inszenierte sie Werke mit den Jungen im Kloster Einsiedeln (u. a. Honeggers „Le Roi David“). Mit den gehörlosen Schülern brachte sie nebst dem jährlichen Krippenspiel mehrere Märchenspiele mit Musik wie „Schwan, kleb an“ oder „Zwerg Nase“ auf die Bühne.

Szenenfoto zu ‚Zwerg Nase‘ (gehörloser Schüler). Szenenfoto zu ‚Zwerg Nase‘ (gehörloser Schüler).
Foto: © Kunz / Deutsches Tanzarchiv Köln
Szenenfoto zu ‚Zwerg Nase‘ (gehörloser Schüler).

Scheiblauers unermüdliches Wirken wurde mehrfach ausgezeichnet: 1950 mit dem Professorentitel vom Österreichischen Bundespräsidenten in Wien, 1966 mit der Hans-Georg-Nägeli-Medaille von der Stadt Zürich und dem Doktor h. c. von der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich.

Die Filmemacher Reni Mertens und Walter Marti (Teleproduktion Zürich) begleiteten Scheiblauer als Freunde und dokumentierten ihre Arbeit.
Im Nachlass werden aufbewahrt:
Rhythmik, 20 Min. sw. Zürich 1956,
Krippenspiel, 27 Min. sw. 1962
und der vielbeachtete Kinofilm „Ursula oder das unwerte Leben“,
87 Min. sw., Zürich 1966 .*

* Alle Filme werden 2009 als DVDs neu aufgelegt.
Bezug über www.musikbewegung.de

Literatur / Quellen:

Scheiblauer, M., Autorin in und Herausgeberin der Zeitschrift „Lobpreisung der Musik – Blätter zur Musikerziehung“, Zürich 1942 – 1968, jährlich ca. 10 Nummern mit 4-8 Seiten (vollständig im Nachlass).

Brunner-Danuser, F.: Mimi Scheiblauer – Musik und Bewegung, Zürich 1984 (Biografie und vollständiges Werkverzeichnis).

Ring, R./Steinmann, B.: Lexikon der Rhythmik, Kassel 1997

Steinmann, B./ Pollicino, K.: Musikhören mit dem Körper, Wiesbaden 2009 (Geschichte und Leitfaden der Rhythmik mit hörbeeinträchtigten Kindern und Jugendlichen auf der Basis von Mimi Scheiblauer).