Die Bibliothek des Deutschen Tanzarchivs Köln beinhaltet einen Präsenzbestand von aktuell ca. 16.000 Titeln zu allen Themen des Tanzes aus dem In- und Ausland, darunter seltene Bücher seit dem 16. Jahrhundert und zahlreiche Dissertationen. Aktuelle Fachzeitschriften sowie ein etwa 16.500 Hefte umfassender Zeitschriftengesamtbestand ergänzen das umfassende Informationsangebot.
Die Rara-Bestände der Bibliothek des Deutschen Tanzarchivs Köln umfassen aktuell 258 Titel aus dem 16. – 19. Jahrhundert. Im Rahmen des Projekts „Kulturerbe Tanz“ des Dachverbands Tanz Deutschland und des Verbunds deutscher Tanzarchive, gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
In einem ersten Schritt hat das Deutsche Tanzarchiv Köln ausgewählte historische Tanzbücher aus dem 16. und 17. Jahrhundert digitalisiert und online editiert. Um die Anbindung dieser historischen Zeugnisse an den aktuellen Bedürfnissen in den Bereichen Ausbildung, Forschung und Wissenschaft zu gewährleisten, soll perspektivisch eine Annotation | Kommentierung durch zeitgenössische Pädagog*innen, Choreograph*innen und Wissenschaftler*innen erfolgen.
Melchior Ambach: Von tantzen, 1545
Von tantzen: Urtheil, auß heiliger Schrifft, unnd den alten Christlichen Lerern gestelt / durch Melchior Ambach. Wahrhaftige verantwortung unnd widerlegung des unbescheiden, schmählichen schreibens, von Tantzen / darin: Ratz, Jacobi.
Das 1543 in Frankfurt am Main erschienene Werk von Melchior Ambach, einem lutherischen Prediger, ist ein typisches Beispiel für die moralisch-religiöse Literatur der Reformationszeit. Unter dem Titel 'Von tantzen: Urtheil, auß heiliger Schrifft, unnd den alten Christlichen Lerern gestelt' argumentiert Ambach vehement gegen das Tanzen, das er als sündhaftes, fleischliches Vergnügen betrachtet. Seine Argumentation stützt sich auf Bibelstellen und die Autorität der Kirchenväter. Ambach sieht im Tanz eine Gefahr für die christliche Sittlichkeit, da er angeblich zur Unzucht, Eitelkeit und Gottvergessenheit verleite. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Zunächst legt Ambach sein 'Urteil' dar, indem er eine Vielzahl von Bibelzitaten und patristischen Texten anführt, um das Tanzen als unvereinbar mit einem gottgefälligen Leben zu brandmarken. Im zweiten Teil folgt die 'Wahrhaftige verantwortung und widerlegung' einer anonymen Schrift, die das Tanzen verteidigt. Hier richtet sich Ambach insbesondere gegen einen Autor namens Jacobi Ratz, den er scharf attackiert. Die Polemik ist geprägt von der für die Zeit typischen konfessionellen Schärfe. Für die Tanzforschung ist Ambachs Schrift daher ein Beleg für die Ambivalenz des Tanzes in der Frühen Neuzeit: einerseits als Ausdruck von Lebensfreude und sozialer Ordnung, andererseits als Projektionsfläche für Ängste vor moralischem Verfall. In der heutigen Forschung wird das Werk nicht als objektive Beschreibung von Tanzpraktiken gelesen, sondern als Spiegel der Diskurse um Körper, Geschlecht und Religion im 16. Jahrhundert.
Florian Daul von Fürstenberg: Tantzteuffel, 1567
Tantzteuffel: Das ist wider den leichtfertigen vnuerschempten Welt tantz und sonderlich wider die Gottß zucht und ehrvergessene Nachttentze / gestellet durch Florianum Daulen von Fürstenberg.
Das Werk 'Tantzteuffel: das ist wider den leichtfertigen, unverschempten Welttantz und sonderlich wider die Gottßzucht und ehrvergessene Nachttäntze', erschienen 1569, ist ein typisches Beispiel für die moralisch-religiöse Polemik der Reformationszeit. Verfasst wurde es von Florian Daul von Fürstenberg, einem protestantischen Pfarrer, der sich mit scharfen Worten gegen das Tanzen als weltliches Vergnügen wandte. Der Text reiht sich ein in eine ganze Reihe sogenannter 'Antitanz-Schriften', die im 16. Jahrhundert in Deutschland kursierten. Inhaltlich richtet sich das Buch gegen das, was der Autor als 'leichtfertigen' und 'gottlosen' Tanz der Welt bezeichnet. Besonders im Fokus stehen Nachttänze, die als Orte moralischer Entgrenzung, sexueller Ausschweifung und sozialer Unordnung dargestellt werden. Der Autor argumentiert mit Bibelzitaten, patristischen Quellen und moralischen Appellen, dass das Tanzen nicht nur sündhaft, sondern auch ein direkter Angriff auf göttliche Ordnung und christliche Zucht sei. Der 'Tantzteuffel' wird dabei zur Metapher für den Teufel selbst, der durch den Tanz die Menschen verführt und von einem gottgefälligen Leben abbringt. Aus tanzwissenschaftlicher Sicht ist das Werk weniger als Beschreibung realer Tanzpraktiken zu verstehen, sondern vielmehr als Spiegel der kulturellen und religiösen Diskurse seiner Zeit. Der Text offenbart die tiefen Ambivalenzen, mit denen der Tanz in der Frühen Neuzeit belegt war: Einerseits war er ein fester Bestandteil höfischer und städtischer Festkultur, andererseits wurde er von Teilen der reformatorischen Bewegung als Symbol für Sittenverfall und Fleischeslust bekämpft.
Fabritio Caroso: Il ballarino, 1581
Il ballarino: diuiso in due trattati ; nel primo de'quali si dimostra la diuersità de i nomi, che si danno à gli atti, & mouimenti, che interuengono ne i balli: & con molte regole si dichiara con quali creanze, & in che modo debbano farsi. Nel secondo s'insegnano diuerse sorti di balli, & balletti si all'uso d'Italia, come à quello di Francia, & Spagna. Ornato di molte figure. Et con l'intauolatura di liuto , & il soprano della musica nella sonata di ciascun ballo / di Fabritio Caroso da Sermoneta.
'Il Ballarino', erstmals 1581 in Venedig veröffentlicht, ist eines der bedeutendsten Tanzbücher der italienischen Renaissance. Verfasst wurde es von Fabritio Caroso da Sermoneta, einem Tanzmeister, der am Hofe tätig war und mit diesem Werk eine umfassende Anleitung für den höfischen Tanz seiner Zeit vorlegte. Das Buch ist in zwei große Teile gegliedert. Der erste Traktat behandelt die Terminologie und Technik der Tanzbewegungen. Caroso beschreibt 54 verschiedene Schritte, benennt die Gesten, Bewegungen und Etikette, die beim Tanzen zu beachten sind, und gibt detaillierte Hinweise zur Körperhaltung, Kleidung und sozialen Interaktion. Der zweite Traktat enthält die Choreografien von über 80 Tänzen, darunter Balletti, Cascarde, Tordiglione, Passo e mezzo, Pavaniglia, Canario und Gagliarde – Tänze aus Italien, Frankreich und Spanien. Jeder Tanz ist mit einer musikalischen Begleitung versehen, meist in Form von Lautentabulatur und einer Sopranlinie, was eine direkte Umsetzung durch Musiker und Tänzer ermöglicht. Das Werk ist reich illustriert, unter anderem mit Kupferstichen von Giacomo Franco, die Tanzpaare in typischen Posen zeigen. Diese Bilder dienen nicht nur der ästhetischen Aufwertung, sondern auch der didaktischen Unterstützung. Aus tanzwissenschaftlicher Sicht ist 'Il Ballarino' ein Schlüsseltext für das Verständnis der Renaissance-Tanzkultur. Es dokumentiert nicht nur die technischen Aspekte des Tanzes, sondern auch die sozialen und ästhetischen Normen, die mit dem Tanzen verbunden waren. Caroso legt großen Wert auf Etikette, Haltung und Ausdruck, was zeigt, dass Tanz im höfischen Kontext weit mehr war als bloße Bewegung – er war ein Mittel der Repräsentation, der Kommunikation und der sozialen Distinktion.
Baltasar de Beauioyeulx: Balet Comique de la Royne, 1582
Balet Comique de la Royne: faict aux nopces de Monsieur le Duc de Ioyeuse & madamoyselle de Vaudemont sa soeur. / par Baltasar de Beauioyeulx.
Das „Balet Comique de la Royne“ (1581) gilt als das erste vollständig erhaltene Ballett der Geschichte und markiert einen Meilenstein in der Entwicklung des europäischen Tanztheaters. Es wurde am französischen Hof unter der Schirmherrschaft von Catherine de’ Medici zur Hochzeit ihrer Schwägerin Marguerite de Vaudémont mit dem Herzog von Joyeuse aufgeführt. Der Choreograf Balthasar de Beaujoyeulx vereinte in diesem Werk erstmals Tanz, Musik, Gesang, Dichtung und Bühnenbild zu einer zusammenhängenden dramatischen Handlung – basierend auf der mythologischen Figur Circe aus Homers Odyssee. Die Aufführung dauerte über fünf Stunden und war ein aufwendiges Spektakel mit allegorischer Botschaft: Die Verwandlung durch Circe symbolisierte die Wirren der Bürgerkriege, während das Ende des Stücks Hoffnung auf Frieden und Ordnung vermittelte. Das Werk beeinflusste nachhaltig die Entwicklung des höfischen Balletts in Europa und wurde 1582 auch als Libretto veröffentlicht.
Nicolas Caussin: Elogio del ré Luigi Decimoquarto Dio-dato, 1653
Elogio del ré Luigi Decimoquarto Dio-dato / composto dal P. Nicoló Causino. Portato di Franc, in Ital. da Gionni Cristophia.
Das Buch ist ein Lobpreis (Elogio) auf den jungen französischen König Ludwig XIV., der hier als „von Gott gegeben“ (Dio-dato) gefeiert wird. Es wurde von Nicolas Caussin, einem Jesuiten und bekannten Hofprediger, verfasst und zur Feier von Ludwigs Erreichen der Volljährigkeit und seiner offiziellen Machtübernahme als König von Frankreich geschrieben. Zentrale Themen sind die göttliche Legitimation der Monarchie sowie die Tugenden des Königs - Weisheit, Gerechtigkeit, Frömmigkeit und Tapferkeit. Das Werk ist reich an biblischen und klassischen Anspielungen und damit typisch für die barocke Hofliteratur. Das „Balet Comique de la Royne“ lässt sich aus tanzwissenschaftlicher Perspektive, insbesondere im Hinblick auf die Entstehung des Balletts als eigenständiger Kunstform, als ein Schlüsselwerk der Tanzgeschichte einordnen.
Alessandro Carducci: Il Mondo Festeggiante, 1661
Il Mondo Festeggiante: balletto a cavallo fatto nel teatro congiuntu al Palazzo del Sereniss. Gran Duca, per le reali Nozze de' Serenissimi Principi Cosimo Terzo di Toscana, e Margherita Lvisa d'Orleans.
Santo Carlo Borromeo: Traitté contre les danses, 1664
Traitté contre les danses et les comedies / composé par S. Charles Borromée.
'Traitté contre les danses et les comedies', 1664 in Paris veröffentlicht, ist ein moralisch-theologisches Traktat, das dem heiligen Karl Borromäus (1538–1584), Erzbischof von Mailand, zugeschrieben wird. Es richtet sich entschieden gegen das Tanzen und das Theater, die als Gefahren für die christliche Sittlichkeit dargestellt werden. Der Text wurde aus dem Lateinischen ins Französische übersetzt und erschien mit königlichem Privileg. Er ist Teil einer breiteren Bewegung der kirchlichen Reform, die im Zuge der Gegenreformation versuchte, weltliche Vergnügungen zu regulieren oder zu verbieten. Der Aufbau des Werks folgt einer klaren Argumentationsstruktur: Nach einer Widmung und einer Einleitung, in der die moralische Notwendigkeit des Textes betont wird, folgen mehrere Kapitel, die sich mit biblischen, patristischen und zeitgenössischen Argumenten gegen das Tanzen und die Komödie wenden. Besonders hervorgehoben wird die Unterscheidung zwischen heiligen Tänzen – etwa in der Bibel – und den als lasterhaft empfundenen weltlichen Tänzen der Gegenwart. Auch das Theater wird als Ort der Verführung und moralischen Zersetzung kritisiert. Für die Tanzforschung ist das Traktat ein bedeutendes Dokument, da es die kulturelle und moralische Spannung sichtbar macht, in der sich der Tanz im 17. Jahrhundert bewegte. Es zeigt, wie stark Tanz als gesellschaftliches Phänomen wahrgenommen wurde – so sehr, dass er theologisch bekämpft werden musste. Das Werk erlaubt Einblicke in die normativen Diskurse jener Zeit und ist ein Schlüsseltext für das Verständnis der sozialen Kontrolle von Körper und Bewegung in der frühneuzeitlichen Gesellschaft.
A. Varet: De l'education chrestienne des enfans, 1668
De l'education chrestienne des enfans, selon les maximes de l'escriture Sainte, et les instructions des Saints Peres de l'Eglise.
'De l'education chrestienne des enfans, selon les maximes de l'escriture Sainte, et les instructions des Saints Peres de l'Eglise', ursprünglich verfasst von Silvio Antoniano auf Wunsch des heiligen Karl Borromäus, erschien erstmals 1584 und wurde später mehrfach neu aufgelegt. Es handelt sich um ein umfangreiches Traktat zur christlichen Kindererziehung, das sich auf die Bibel und die Kirchenväter stützt. Der Aufbau des Buches ist systematisch und katechetisch: Es beginnt mit allgemeinen Überlegungen zur Verantwortung der Eltern und Erzieher, gefolgt von konkreten Anleitungen zur geistlichen Bildung, zur Einübung christlicher Tugenden und zur Vorbereitung auf die Sakramente. Die Kapitel sind thematisch gegliedert und enthalten zahlreiche Zitate aus der Heiligen Schrift sowie aus patristischen Quellen. Besonders betont wird die Rolle des Gebets, der Disziplin und der Vorbildfunktion der Erwachsenen. Für die Tanzforschung ist das Werk insofern relevant, als es exemplarisch die moralischen und pädagogischen Diskurse der Gegenreformation widerspiegelt, in denen körperliche Ausdrucksformen – darunter auch Tanz – kritisch betrachtet wurden. Zwar steht der Tanz nicht im Zentrum des Textes, doch die implizite Ablehnung sinnlicher Vergnügungen und die Betonung geistlicher Erziehung lassen Rückschlüsse auf die damalige Haltung gegenüber performativen Künsten zu.
Claude-François Menestrier: Des ballets anciens et modernes, 1682
Des ballets anciens et modernes selon les règles du théâtre.
Claude-François Menestriers Werk 'Des ballets anciens et modernes selon les règles du théâtre', erstmals 1682 in Paris erschienen, gilt als die erste systematische Geschichte des Balletts. Der französische Jesuit, Historiker und Festgestalter analysiert darin die Entwicklung von Tanz und szenischer Darstellung im Kontext höfischer und religiöser Feste. Das Buch ist ein Schlüsseltext der barocken Theater- und Tanztheorie und verbindet historische Reflexion mit praktischen Anleitungen zur Gestaltung von Balletteinlagen nach den Regeln des Theaters seiner Zeit. Der Aufbau des Werkes ist klar gegliedert: Menestrier beginnt mit einer historischen Einordnung antiker und mittelalterlicher Tanzformen, bevor er sich den modernen Ballets widmet, insbesondere jenen, die am französischen Hof unter Ludwig XIV. aufgeführt wurden. Er beschreibt die dramaturgische Struktur, die allegorische Symbolik und die szenografischen Prinzipien, die ein gelungenes Ballett ausmachen. Zahlreiche Diagramme und Illustrationen zeigen Bühnenaufbauten und Bewegungsabläufe, darunter auch italienische Theaterformen, etwa jene, die 1667 zur Hochzeit des Herzogs von Parma inszeniert wurden. Für die Tanzforschung ist Menestriers Werk von zentraler Bedeutung: Es dokumentiert nicht nur die ästhetischen und technischen Standards des barocken Balletts, sondern reflektiert auch dessen gesellschaftliche Funktion als Medium politischer Repräsentation und moralischer Erziehung.
Annibale Leonardelli: Il mondo in ballo, 1692
Il mondo in ballo, regolato dalla Providenza Divina: nel governo de gli huomini: figurato nel ballo di Davide avanti l'Arce / opera d'Annibale Leonardelli.
'Il mondo in ballo, regolato dalla Providenza Divina: nel governo de gli huomini: figurato nel ballo di Davide avanti l'Arce', verfasst von Annibale Leonardelli, erschienen 1680 in Venedig, stammt vom jesuitischen Moraltheologen Annibale Leonardelli (1623–1702) Es ist ein allegorisch-theologisches Traktat, das die biblische Szene von König Davids Tanz vor der Bundeslade als Ausgangspunkt nimmt, um die göttliche Ordnung im menschlichen Leben zu reflektieren. Leonardelli nutzt die Metapher des Tanzes, um die Beziehung zwischen göttlicher Vorsehung und menschlichem Handeln zu veranschaulichen – ein bemerkenswerter Perspektivwechsel, der Tanz nicht als weltliches Vergnügen, sondern als Ausdruck spiritueller Ordnung begreift. Der Aufbau des Buches ist emblematisch und meditativ: Es gliedert sich in mehrere Abschnitte, die jeweils eine moralische oder theologische Einsicht entfalten, oft anhand von biblischen Episoden und allegorischen Deutungen. Der Tanz Davids wird dabei nicht nur als historisches Ereignis, sondern als Modell für die rechte Bewegung des Menschen im Einklang mit göttlicher Führung interpretiert. Leonardelli verbindet exegetische Analyse mit rhetorischer Kunst und barocker Bildsprache. Für die Tanzforschung ist dieses Werk von besonderem Interesse, da es eine seltene Verbindung zwischen religiöser Symbolik und choreografischer Metaphorik bietet. Es zeigt, wie Tanz im 17. Jahrhundert auch im kirchlichen Kontext als bedeutungstragendes Medium verstanden werden konnte – nicht zur Unterhaltung, sondern zur moralischen Belehrung. Leonardellis Schrift erweitert das Verständnis von Tanz als kultureller Praxis und bietet wertvolle Einblicke in die spirituelle Dimension frühneuzeitlicher Bewegungskonzepte.
Johann Konrad Kesler: Was von dem weltüblichen Tantzen zu halten sey, [1697]
Gründ- und ausführliche Erklärung der Frage: was von dem weltüblichen Tantzen zu halten sey? : in zwey Tractätlein verfasset ; deren erste einer von dieser Sache zu Langensaltza 1696 heraus gegebenen Schrifft entgegen gesetzet / Mit einer Vorrede August Herrmann Franckens. Kesler, Johann Konrad: Tractat, darinnen die langensaltzische Schrifft ordentlich wiederleget wird.
Johann Konrad Keslers Schrift ist ein eindrucksvolles Zeugnis pietistischer Moralkritik am gesellschaftlichen Brauch des Tanzens im späten 17. Jahrhundert. Das Werk besteht aus zwei Traktaten: Der erste richtet sich explizit gegen eine 1696 in Langensalza erschienene Verteidigungsschrift des Tanzens, während der zweite die Argumentation vertieft und systematisiert. Die Struktur folgt einem theologischen Diskursstil, der biblische Belege, moralische Reflexionen und polemische Gegenargumente miteinander verwebt. Kesler sieht im Tanzen eine weltliche Versuchung, die zur Sittenlosigkeit und geistlichen Verirrung führt. Er argumentiert aus der Perspektive des Pietismus, einer reformatorischen Bewegung, die eine strenge Lebensführung und innere Frömmigkeit betonte. Unterstützt wurde Kesler durch eine Vorrede von August Hermann Francke, einem zentralen Vertreter des Halleschen Pietismus. Für die Tanzforschung ist das Werk von besonderer Bedeutung, da es nicht nur die Ablehnung des Tanzens dokumentiert, sondern auch die sozialen und religiösen Konfliktlinien sichtbar macht, die mit dem Tanz als kultureller Praxis verbunden waren. Keslers Schrift erlaubt Einblicke in die frühneuzeitliche Wahrnehmung von Körperlichkeit, Geschlechterrollen und öffentlichem Vergnügen. Sie steht exemplarisch für die moralisch-theologische Auseinandersetzung mit dem Tanz und ergänzt das Bild der Tanzgeschichte um eine kritische, oft übersehene Perspektive.
Isaac de Benserade: Les oeuvres, 1698
Les oeuvres de Monsieur de Bensserade. Das Werk 'Les Œuvres de Monsieur de Bensserade' ist eine posthum veröffentlichte Sammlung der literarischen Arbeiten von Isaac de Benserade (1612–1691), einem bedeutenden französischen Hofdichter des 17. Jahrhunderts, der insbesondere für seine Beiträge zu höfischen Balletten unter Ludwig XIV. bekannt ist.
Die Ausgabe besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil enthält eine Vielzahl von Gedichten, darunter 'Rondeaux choisis tirez des Métamorphoses d’Ovide', also ausgewählte Rondeaux, die auf Ovids Metamorphosen basieren. Dieser Teil zeigt Benserades poetische Vielseitigkeit und seine Fähigkeit, klassische Stoffe in die barocke Formensprache zu übertragen. Der zweite Teil widmet sich vollständig den Versen der Ballette, die von Ludwig XIV. selbst getanzt wurden ('Les vers des balets dansez par Sa Majesté'). Diese Texte sind eng mit der höfischen Tanzpraxis des Ancien Régime verbunden und dokumentieren die enge Verzahnung von Literatur, Musik und Tanz am französischen Hof. Ein einleitender 'Discours sommaire' von Paul Tallemant bietet eine biografische Skizze Benserades und ordnet sein Werk in den kulturellen Kontext seiner Zeit ein. Aus tanzwissenschaftlicher Sicht ist das Werk von besonderem Interesse, da es die literarische Dimension des höfischen Balletts dokumentiert. Benserade war ein zentraler Librettist für die Ballette von Jean-Baptiste Lully, dem führenden Komponisten der französischen Barockoper und des Ballet de Cour. Die Texte in 'Les Œuvres' geben Einblick in die symbolische und allegorische Funktion des Tanzes im Dienst der absolutistischen Selbstdarstellung Ludwigs XIV., der sich selbst als 'Sonnenkönig' inszenierte. Die Verse sind nicht nur Begleittexte, sondern integraler Bestandteil der choreografischen Dramaturgie. Sie spiegeln die ästhetischen Ideale der Zeit wider – Harmonie, Ordnung, mythologische Bezüge – und zeigen, wie Tanz als Medium politischer Repräsentation genutzt wurde. Für die Tanzforschung sind sie daher eine wertvolle Quelle zur Rekonstruktion von Aufführungspraktiken und zur Analyse der Verflechtung von Text, Musik und Bewegung im barocken Ballett.
Raoul Auger Feuillet: Chorégraphie ou l'art de décrire la dance, 1701
Chorégraphie ou l'art de décrire la dance, par caractères, figures et signes démonstratifs : avec lesquels on apprend facilement de soy-même toutes sortes de dances / par Feuillet. - 2. éd., augmentée.
Das Werk 'Chorégraphie ou l’art de décrire la dance' von Raoul-Auger Feuillet, erstmals 1700 erschienen und in der zweiten, erweiterten Ausgabe von 1701 veröffentlicht, gilt als Meilenstein der Tanznotation und als Fundament der modernen Tanzschrift. Die zweite Ausgabe besteht aus drei Teilen. 'Chorégraphie': Das Hauptwerk, in dem Feuillet ein innovatives System zur grafischen Darstellung von Tanzbewegungen entwickelt. Es enthält 53 ganzseitige Gravuren, 2 halbseitige Illustrationen und zahlreiche Holzschnitte im Text. Die Notation basiert auf Taktzeichnungen, die den Weg des Tänzers auf dem Boden visualisieren, ergänzt durch Symbole für Schritte, Drehungen und Bewegungsrichtungen. 'Recueil de dances' (1700): Eine Sammlung von Tänzen, die Feuillet selbst komponiert hat, mit 84 gravierten Seiten. 'Recueil de Danses' von M. Pecour: Tänze des renommierten Choreografen Guillaume-Louis Pecour, die Feuillet in seinem System transkribiert hat. Diese Sammlung umfasst 73 Seiten, teils mit ausklappbaren Illustrationen. Die Tänze reichen von höfischen Formen wie Sarabande, Chaconne, Bourrée, Passacaille bis hin zu komplexen Gruppenformationen wie dem 'Balet de neuf Danseurs'. Feuillets Werk ist von zentraler Bedeutung für die Tanzwissenschaft, da es erstmals eine systematische, visuelle Notation von Tanzbewegungen bietet – vergleichbar mit der Notenschrift in der Musik. Es erlaubt die Rekonstruktion barocker Tänze mit hoher Präzision und dokumentiert die ästhetischen, sozialen und politischen Funktionen des Tanzes im Ancien Régime. Die Chorégraphie steht im Kontext der Institutionalisierung des Tanzes durch Ludwig XIV., der 1661 die Académie royale de danse gründete. Tanz wurde zur körperlichen Ausdrucksform aristokratischer Bildung, vergleichbar mit Fechten und Reiten. Feuillet trägt mit seinem Werk zur Standardisierung und Professionalisierung des Tanzes bei und festigt die Rolle Frankreichs als kulturelles Zentrum des europäischen Balletts. Sein System wurde rasch in andere Sprachen übersetzt und blieb bis ins 18. Jahrhundert hinein maßgeblich. Es beeinflusste nicht nur die Tanzpraxis, sondern auch die pädagogische Vermittlung und die ikonografische Darstellung von Bewegung.
Raoul Auger Feuillet: Recueil de contredances, 1706
Recueil de contredances mises en chorégraphie : d'une maniére si aisée, que toutes les personnes peuvent facilement les apprendre, sans le secours d'aucun maître et mème sans avoir eu aucune connoissance de la chorégraphie / par Feuillet.
Raoul-Auger Feuillets 'Recueil de contredances mises en chorégraphie' ist ein bemerkenswertes Werk aus dem Jahr 1706, das sich der Vermittlung von Contredanses widmet – einer Tanzform, die sich durch ihre gesellige Struktur und einfache Erlernbarkeit auszeichnet. Das Buch enthält 32 Tänze für jeweils vier Paare, die in Feuillets grafischem Notationssystem dargestellt sind. Dieses System erlaubt es, die Bewegungen der Tänzer auf dem Boden visuell nachzuvollziehen, wobei Musiknotation und choreografische Figuren auf einer Seite kombiniert werden. Die Tänze sind als Reihen von Figuren konzipiert, bei denen sich Männer und Frauen gegenüberstehen und durch wechselnde Formationen tanzen. Besonders hervorzuheben ist die 28-seitige Einleitung, in der Feuillet sein System erklärt und den Anspruch formuliert, dass jede Person die Tänze ohne Lehrer und ohne Vorkenntnisse erlernen könne. Tanzwissenschaftlich ist dieses Werk von großer Bedeutung, da es die Popularisierung der Contredanse dokumentiert – einer Tanzform, die sich von der höfischen 'belle danse' abhebt und stärker auf soziale Interaktion und gemeinschaftliches Tanzen setzt. Die Contredanse war weniger formalisiert, bot Raum für Improvisation und war durch ihre Struktur mit häufigem Partnerwechsel besonders kommunikativ. Feuillets Werk zeigt, wie sich der Tanz im frühen 18. Jahrhundert von einem exklusiven höfischen Ritual zu einer zugänglichen Freizeitbeschäftigung wandelte. Es ist zugleich ein technisches Manual und ein kulturhistorisches Dokument, das die Demokratisierung des Tanzes und die Verbreitung englischer Tanzformen in Frankreich sichtbar macht. Die grafische Notation erlaubt bis heute eine präzise Rekonstruktion der Tänze und stellt einen wichtigen Schritt in der Entwicklung der Tanzschrift dar.
Jacques Bonnet: Histoire générale de la danse, 1724
Histoire générale de la danse: sacrée et prophane; ses progrès & ses révolutions, depuis son origine jusqu'à présent; avec un supplément de l'hisoire de la musique, & le paralele de la peinture & de la poésie / par M. Bonnet.
Jacques Bonnets 'Histoire générale de la danse: sacrée et profane', erschienen 1723 in Paris, ist eines der frühesten umfassenden Werke zur Tanzgeschichte und stellt einen ambitionierten Versuch dar, die Entwicklung des Tanzes von seinen Ursprüngen bis in die Gegenwart des Autors systematisch darzustellen. Das Buch ist nicht nur ein historischer Überblick, sondern auch ein kulturtheoretisches Werk, das Tanz in Beziehung zu anderen Künsten wie Musik, Malerei und Poesie setzt. Die Struktur des Werkes ist chronologisch und thematisch gegliedert. Bonnet beginnt mit der Darstellung des sakralen Tanzes in antiken Kulturen – etwa bei den Ägyptern, Griechen und Römern – und verfolgt dessen Transformation in höfische und theatralische Formen bis ins 18. Jahrhundert. Dabei widmet er sich auch spezifischen Phänomenen wie dem Maskenball, dem Seiltanz (Funambulismus) und gymnastischen Darbietungen. Ein umfangreicher Anhang ergänzt die Tanzgeschichte um eine kurze Musikgeschichte sowie einen kunsttheoretischen Vergleich zwischen Tanz, Malerei und Dichtung. Tanzwissenschaftlich ist Bonnets Werk von besonderem Interesse, da es den Tanz nicht nur als körperliche Praxis, sondern als kulturelles Ausdrucksmedium begreift. Bonnet versucht, Tanz als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen zu lesen und betont dessen Rolle in religiösen, politischen und ästhetischen Kontexten. Seine Perspektive ist stark von der Aufklärung geprägt: Er sucht nach rationalen Erklärungen für die Entwicklung von Tanzformen und bemüht sich um eine Systematisierung der Tanzgeschichte, wie sie in der Musik- oder Literaturgeschichte bereits etabliert war.
Pierre Rameau: Le maître a danser, 1725
Le maître a danser : qui enseigne la maniere de faire tous les differens pas de danse dans toute la regularité de l'art, & de conduire les bras à chaque pas ... / par Rameau.
Pierre Rameaus 'Le maître à danser', erstmals 1725 in Paris veröffentlicht, ist eines der bedeutendsten Lehrwerke zur Tanztechnik des 18. Jahrhunderts und ein Schlüsseltext für die Rekonstruktion der barocken Tanzpraxis. Der Autor, ein französischer Tanzmeister und Theoretiker, unterrichtete unter anderem Elisabetta Farnese und verfasste zwei Werke, von denen dieses das erste und einflussreichste ist. Das Buch gliedert sich in zwei Hauptteile. Der erste Teil widmet sich der korrekten Haltung, dem Gehen, den Fußpositionen, den Verbeugungen und einer umfangreichen Sammlung von Tanzschritten. Rameau beschreibt diese mit großer Präzision und unterlegt sie mit zahlreichen Kupferstichen, die die Bewegungen visuell veranschaulichen. Der zweite Teil konzentriert sich ausschließlich auf die Führung der Arme beim Tanzen – ein Aspekt, der in früheren Tanztraktaten oft vernachlässigt wurde. Rameau betont die Bedeutung der Armbewegungen für die Eleganz und Ausdruckskraft des Tanzes und entwickelt ein System, das die Koordination von Schritten und Gestik systematisch lehrt. Tanzwissenschaftlich ist 'Le maître à danser' von herausragender Bedeutung, da es nicht nur die technische Ausführung der 'belle danse' dokumentiert, sondern auch die ästhetischen und sozialen Normen des höfischen Tanzes unter Ludwig XIV. und seinen Nachfolgern reflektiert. Rameaus Werk steht in enger Verbindung zur Beauchamp–Feuillet-Notation, die er in einem späteren Werk kritisch erweitert. Seine detaillierten Beschreibungen und die Betonung der Körperhaltung machen das Buch zu einer unverzichtbaren Quelle für die historische Tanzforschung. Es wurde bereits 1728 von John Essex ins Englische übersetzt und beeinflusste die Tanzpädagogik in ganz Europa.
Pierre Rameau: The dancing master, 1728
The dancing master: or, the art dancing explained / Rameau, trans. J. Essex.
Die englische Ausgabe von Pierre Rameaus Lehrwerk, erschienen unter dem Titel The Dancing Master: or, the Art of Dancing Explained, wurde 1728 von John Essex ins Englische übertragen und stellt eine bedeutende Vermittlung französischer Tanzkunst an das englische Publikum dar. Sie basiert auf Rameaus Le maître à danser und wurde in London veröffentlicht, mit dem Ziel, die Prinzipien der 'belle danse' auch außerhalb Frankreichs zugänglich zu machen. Das Buch ist inhaltlich eng an das französische Original angelehnt und gliedert sich ebenfalls in zwei Hauptteile. Der erste Teil behandelt die Grundlagen der Tanztechnik: Körperhaltung, Fußpositionen, Verbeugungen und die Ausführung der verschiedenen Tanzschritte. Essex übernimmt Rameaus detaillierte Beschreibungen und ergänzt sie mit erläuternden Kommentaren, die auf die Bedürfnisse eines englischen Lesepublikums zugeschnitten sind. Der zweite Teil widmet sich der Führung der Arme, einem Aspekt, den Rameau besonders betont, da er wesentlich zur Eleganz und Ausdruckskraft des Tanzes beiträgt. Tanzwissenschaftlich ist die englische Ausgabe von großer Bedeutung, da sie die französische Tanzästhetik des frühen 18. Jahrhunderts in den englischen Kontext überträgt und damit zur Internationalisierung der höfischen Tanzkunst beiträgt. Sie dokumentiert nicht nur die technischen Standards der 'belle danse', sondern auch die kulturelle Rezeption französischer Tanzideale in England. Die Übersetzung durch Essex ist dabei nicht nur sprachlich, sondern auch didaktisch angepasst – sie richtet sich an ein Publikum, das möglicherweise weniger mit der französischen Tanztradition vertraut ist, und versucht, die Inhalte möglichst zugänglich zu machen.
Kellom Tomlinson: The art of dancing, 1735
The art of dancing explained by reading and figures: whereby the manner of performing the steps is made easy by a new and familiar method; being the original work first design'd in the year 1724 / now publ. by Kellom Tomlinson.
Kellom Tomlinsons 'The Art of Dancing Explained by Reading and Figures', erstmals 1735 veröffentlicht, ist das bedeutendste englische Tanzlehrbuch des 18. Jahrhunderts und zugleich ein einzigartiges Dokument der barocken Tanzkultur in Großbritannien. Obwohl das Werk bereits 1724 konzipiert wurde, verzögerte sich die Veröffentlichung aufgrund der hohen Kosten für die aufwendigen Kupferstiche, die das Buch begleiten. Das Werk besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil widmet sich der Beschreibung von 29 verschiedenen Tanzschritten, darunter klassische barocke Schritte wie Coupee, Bourrée, Chassée, Rigadoon und Passacaille. Tomlinson erläutert diese Bewegungen nicht nur textlich, sondern auch mithilfe von 35 ganzseitigen Illustrationen, die den Bewegungsverlauf und die Körperhaltung visualisieren. Der zweite Teil konzentriert sich auf das Minuet – den zentralen Gesellschaftstanz der Zeit – und bietet vier verschiedene Methoden zur Ausführung des Minuet-Schritts. Ergänzt wird das Werk durch Abschnitte zur Armführung, zur Vermeidung typischer Fehler und zur korrekten Haltung im Tanzraum. Tanzwissenschaftlich ist Tomlinsons Buch von herausragender Bedeutung, da es das erste umfassende englischsprachige Werk ist, das nicht direkt aus einem französischen Original abgeleitet wurde. Es dokumentiert die eigenständige Entwicklung der englischen Tanzpädagogik und zeigt, wie barocke Tanzkunst in England rezipiert, angepasst und weiterentwickelt wurde. Tomlinson verbindet theoretische Reflexion mit praktischer Anleitung und richtet sich sowohl an professionelle Tänzer als auch an ambitionierte Laien. Sein didaktischer Ansatz – die Kombination von Text und Bild – macht das Werk zu einem Vorläufer moderner Bewegungslehre.
Johann Mattheson: Abhandlung von den Pantomimen, 1749
Abhandlung von den Pantomimen: historisch und critisch ausgeführt.
Johann Matthesons 'Abhandlung von den Pantomimen', erschienen 1749 in Hamburg, ist ein bemerkenswertes Werk, das sich mit der Geschichte, Theorie und Praxis der Pantomime auseinandersetzt. Die Schrift ist nicht nur ein musik- und theaterhistorisches Dokument, sondern auch ein bedeutender Beitrag zur Tanzwissenschaft. Mattheson, ein vielseitiger Musiktheoretiker, Komponist und Schriftsteller der Barockzeit, widmet sich in dieser Abhandlung der pantomimischen Darstellung als eigenständiger Kunstform, die er sowohl historisch als auch kritisch beleuchtet. Die Struktur des Werkes ist klar gegliedert: Zunächst bietet Mattheson einen historischen Überblick über die Ursprünge der Pantomime in der Antike, insbesondere bei den Römern und Griechen. Er beschreibt die Rolle der Mimen und Pantomimen auf der Bühne und geht auf deren gesellschaftliche Bedeutung ein. Dabei greift er auf antike Quellen zurück und vergleicht die damalige Praxis mit der seiner Zeit. Im zweiten Teil analysiert er die ästhetischen und technischen Aspekte der pantomimischen Darstellung, etwa die Bedeutung von Gestik, Mimik und Körperhaltung. Er diskutiert, wie Emotionen und Handlungen ohne Worte vermittelt werden können und welche Anforderungen dies an die Darsteller stellt. Für die Tanzwissenschaft ist Matthesons Werk von besonderem Interesse, da es eine frühe theoretische Reflexion über nonverbale Ausdrucksformen bietet. Die Pantomime wird hier nicht als bloße Unterhaltung verstanden, sondern als komplexe Kunstform, die Musik, Bewegung und dramatische Darstellung miteinander verbindet. Mattheson erkennt die expressive Kraft des Körpers und stellt die Pantomime in eine Reihe mit anderen darstellenden Künsten. Seine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Aufführungen zeigt zudem, dass er hohe Ansprüche an künstlerische Qualität und Authentizität stellt.
Louis de Cahusac: La danse ancienne et moderne, 1754
La danse ancienne et moderne ou traité historique de la danse / par M. de Cahusac.
Louis de Cahusacs 'La danse ancienne et moderne ou Traité historique de la danse', erschienen 1754 in drei Bänden, ist eines der frühesten umfassenden Werke zur Tanzgeschichte und ein Meilenstein in der ästhetischen und kulturhistorischen Reflexion über Tanz. Cahusac, bekannt als Librettist für Jean-Philippe Rameau und als Mitarbeiter der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert, verfasste dieses Werk mit dem Anspruch, Tanz nicht nur historisch, sondern auch philosophisch und künstlerisch zu erfassen. Der erste Band widmet sich der Tanzpraxis in antiken Kulturen – etwa bei den Griechen, Römern, Ägyptern und im Orient – und betont die religiöse und rituelle Funktion des Tanzes. Cahusac betrachtet Tanz als universelles Ausdrucksmittel, das in allen Kulturen eine zentrale Rolle spielt. Der zweite Band führt die Darstellung über das Mittelalter bis zur Renaissance fort und beschreibt die Entstehung des höfischen Balletts in Frankreich, insbesondere unter Katharina von Medici. Der dritte Band konzentriert sich auf die Entwicklung des Balletts im 17. und frühen 18. Jahrhundert, mit besonderem Fokus auf die Pariser Oper, die Inszenierungstechniken und die Rolle des Tanzes im Theater der Zeit. Cahusac äußert sich auch zum ballet d’action, zur Tänzerin Marie Sallé und zu choreografischen Prinzipien, die später von Noverre aufgegriffen wurden. Tanzwissenschaftlich ist das Werk von großer Bedeutung, da es den Tanz erstmals in einen breiten kunsttheoretischen Kontext stellt. Cahusac vergleicht Tanz mit Malerei, Poesie und Musik und entwickelt eine Ästhetik der Bewegung, die auf Ausdruck, Natürlichkeit und kultureller Bedeutung basiert. Er sieht in der römischen Pantomime ein Vorbild für ein ausdrucksstarkes, erzählendes Tanztheater und plädiert für eine Reform des akademischen Balletts, das er als erstarrt und formalistisch kritisiert.
Jean Georges Noverre: Lettres sur la danse, 1760
Lettres sur la danse, et sur les ballets / par Noverre.
Jean-Georges Noverres 'Lettres sur la danse, et sur les ballets', erstmals 1760 in Lyon und Stuttgart veröffentlicht, gilt als eines der einflussreichsten Werke der Tanzliteratur des 18. Jahrhunderts. In Form von fiktiven Briefen formuliert Noverre eine leidenschaftliche Reformschrift, die sich gegen die erstarrten Konventionen des damaligen Balletts richtet und für eine neue, ausdrucksstarke Form des Tanzes plädiert: das sogenannte ballet d’action. Das Werk ist nicht systematisch gegliedert, sondern als eine Reihe von Essays und Reflexionen aufgebaut, die sich an einen imaginären Adressaten richten. Noverre behandelt darin zentrale Aspekte der Tanzkunst: die Bedeutung von Mimik und Gestik, die Notwendigkeit einer kohärenten Handlung im Ballett, die Rolle der Musik, die Gestaltung von Kostümen und Bühnenbild sowie die Ausbildung von Tänzern. Besonders kritisch äußert er sich über das Pariser Opernballett, das er als formalistisch und ausdruckslos beschreibt. Stattdessen fordert er eine Reform, die den Tanz wieder zu einer Kunst der Empfindung und des Ausdrucks macht. Tanzwissenschaftlich ist Noverres Werk ein Wendepunkt. Es markiert den Übergang vom barocken Repräsentationstanz zur dramatisch-narrativen Tanzform, die Emotionen und Charaktere durch Bewegung vermittelt. Noverre orientiert sich dabei an der Schauspielkunst, insbesondere am expressiven Spiel des englischen Schauspielers David Garrick, den er in London beobachtet hatte. Er fordert die Abschaffung von Masken, um die Gesichtsausdrücke der Tänzer sichtbar zu machen, und betont die psychologische Tiefe der dargestellten Figuren.
Giovanni Andrea Gallini: A treatise on the art of dancing, 1762
A treatise on the art of dancing / by Giovanni-Andrea Gallini.
Wissenschaftliche Anotationen von Stephanie Schrödter
Gallini spielte im 18. Jahrhundert eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Theatertanzes, indem er international renommierte Tänzer engagierte und so die Verbreitung von „Ballet en action“ und „Pantomimes“ förderte. Trotz interner Rivalitäten und Konflikten gelang es ihm, durch seine Managementtätigkeiten erheblichen Reichtum zu erlangen, wobei der Tanz als gesellschaftlich und kulturell bedeutende Praxis den Schlüssel zu seinem Erfolg darstellte. Parallel zum Boom des gesellschaftlichen Tanzes veröffentlichte Gallini Tanzbücher, die weniger reformatorisch als vielmehr populär ausgerichtet waren und ein breites Publikum ansprechen sollten. Sein Treatise on the Art of Dancing kritisiert leere Virtuosität, sinnlose Choreografien und die Bequemlichkeit des Publikums, während die späteren Critical Observations diplomatischer formuliert sind und sich stärker auf Gesellschaftstanz konzentrieren. Beide Werke spiegeln Gallinis Strategie wider, seine Position im Tanz- und Theaterleben zu festigen, wobei das Treatise eher aus der Perspektive eines aktiven Tänzers und die Observations aus der eines etablierten Unternehmers verfasst wurden.
Carl Joseph von Feldtenstein: Die Kunst nach der Choregraphie zu tanzen, 1767
Die Kunst nach der Choregraphie zu tanzen und Tänze zu schreiben: nebst einer Abhandlung über die äusserliche Wohlanständigkeit im Tanzen / von C.I.V.F.
Carl Joseph von Feldtensteins 'Die Kunst nach der Choregraphie zu tanzen und Tänze zu schreiben', erschienen 1767 in Braunschweig, ist ein kompaktes Lehrbuch zur Tanzpraxis und Tanznotation des 18. Jahrhunderts. Es stellt eine frühe deutschsprachige Auseinandersetzung mit der Beauchamp–Feuillet-Notation dar und bietet zugleich eine Reflexion über die ästhetischen und sozialen Aspekte des Tanzes. Das Werk umfasst 55 Seiten sowie mehrere gefaltete Kupferstiche und ist in zwei Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt erläutert Feldtenstein die Grundlagen der choreografischen Notation und gibt praktische Hinweise zur Ausführung von Tanzschritten und Figuren. Dabei geht es nicht nur um die technische Umsetzung, sondern auch um die Fähigkeit, Tänze selbst zu entwerfen und schriftlich festzuhalten. Der Autor zeigt, wie sich Bewegungsabläufe grafisch darstellen lassen und wie daraus vollständige Tänze entstehen können. Die Kupferstiche dienen als visuelle Unterstützung und veranschaulichen die räumliche Struktur der Tänze. Der zweite Abschnitt widmet sich der 'äusserlichen Wohlanständigkeit im Tanzen' – einem Thema, das über die reine Technik hinausgeht und die Haltung, das Benehmen und die gesellschaftliche Wirkung des Tanzes behandelt. Feldtenstein betont, dass Tanz nicht nur eine körperliche, sondern auch eine soziale und moralische Praxis sei. Er plädiert für Anmut, Maß und Eleganz als zentrale Werte des Tanzes und kritisiert übertriebene oder unpassende Bewegungen, die dem gesellschaftlichen Ideal widersprechen. Tanzwissenschaftlich ist das Werk von besonderem Interesse, da es die deutschsprachige Rezeption französischer Tanztheorie dokumentiert und zugleich eigene pädagogische und ästhetische Akzente setzt. Es steht am Übergang von der höfischen zur bürgerlichen Tanzkultur und zeigt, wie Tanz als Teil der Bildung und des gesellschaftlichen Auftretens verstanden wurde. Für die historische Forschung bietet es wertvolle Einblicke in die Tanzpraxis des 18. Jahrhunderts sowie in die Entwicklung choreografischer Lehrmethoden im deutschsprachigen Raum.
Carl Joseph von Feldtenstein: Erweiterung der Kunst nach der Chorographie zu tanzen, 1772
Erweiterung der Kunst nach der Chorographie zu tanzen, Tänze zu erfinden, und aufzusetzen: wie auch Anweisung zu verschiedenen National-Tänzen; als zu Englischen, Deutschen, Schwäbischen, Pohlnischen, Hannak- Masur- Kosak- und Hungarischen; mit Kupfern; nebst einer Anzahl Englischer Tänze / von C. J. v. Feldtenstein.
Carl Josef von Feldtensteins 'Erweiterung der Kunst nach der Chorographie zu tanzen', erschienen 1772 in Braunschweig, ist ein bemerkenswertes Lehrwerk zur Tanzpraxis des späten 18. Jahrhunderts. Es verbindet choreografische Theorie mit praktischer Anleitung und dokumentiert zugleich die Vielfalt europäischer Tanzformen jener Zeit. Das Buch ist eine erweiterte Fassung seines früheren Werks Die Kunst nach der Choregraphie zu Tänze von 1767 und richtet sich sowohl an Tanzlehrer als auch an ambitionierte Laien. Das Werk umfasst 109 Seiten mit zahlreichen Kupferstichen und musikalischen Notationen. Es gliedert sich in zwei Hauptbereiche: Zum einen bietet es eine systematische Einführung in die Kunst, Tänze nach choreografischen Prinzipien zu erfinden und aufzusetzen. Dabei werden Schrittfolgen, Figuren und räumliche Anordnungen beschrieben, oft unterstützt durch Tabellen und grafische Darstellungen. Zum anderen enthält es eine ausführliche Anleitung zu verschiedenen Nationaltänzen, darunter englische, deutsche, schwäbische, polnische, hannakische, masurische, kosakische und ungarische Tänze. Besonders hervorzuheben ist die Darstellung des Menuetts, das zunächst als Duett beschrieben und später als Gruppentanz weiterentwickelt wird. Tanzwissenschaftlich ist Feldtensteins Werk von großer Bedeutung, da es die choreografische Praxis in Mitteleuropa dokumentiert und zugleich die Rezeption und Adaption internationaler Tanzformen zeigt. Es steht in der Tradition der Beauchamp–Feuillet-Notation, erweitert diese jedoch um eigene didaktische Ansätze. Feldtenstein verfolgt das Ziel, Tanz als Leibesübung und gesellschaftliche Kunstform zu systematisieren und zu popularisieren. Sein Werk ist ein Spiegel der kulturellen Vielfalt und des wachsenden Interesses an Nationaltänzen im Zeitalter der Aufklärung.