Fotografie und Tanz – die wechselseitige Anziehungskraft dieser beiden Kunstformen ist legendär. Ein nicht enden wollendes Spiel von Inszenierung und Inspiration. Beispiele der Liaison zwischen Tanz und Fotografie aus Geschichte und Gegenwart präsentiert das Deutsche Tanzarchiv Köln in seiner neuen Jahresausstellung im Tanzmuseum.

Einen ungewöhnlichen Zugang zur Ausstellung bietet der Film „ECHO. Annäherung an die Ausstellung INSZENIERUNG | INSPIRATION“, den der Kurator der Ausstellung, Thomas Thorausch, während der pandemiebedingten Schließzeit der Ausstellung entwickelt und gemeinsam mit Mütze Media realisiert hat.

Bereits der Titel macht deutlich, dass es sich dabei nicht um die filmische Umsetzung einer Führung oder um einen rein visuellen Durchgang durch die Ausstellung handelt. Im Mittelpunkt der filmischen Annäherung steht vielmehr das, was Fotografinnen und Fotografen sich bei der künstlerischen Arbeit und Konzeption gedacht und zuweilen auch schriftlich niedergelegt haben. Zu erleben ist ein mit den Kunstwerken verbundenes Echo aus einer anderen Welt, der Welt der Künstlerinnen und Künstler.

INSZENIERUNG | INSPIRATION - Tanz und Fotografie
22. Mai 2021 - 20. Februar 2022
Mehr Informationen zur Ausstellung finden Sie hier: www.deutsches-tanzarchiv.de/

Die aktuelle Jahresausstellung "INSZENIERUNG | INSPIRATION - Tanz und Fotografie" ist Bestandteil von Artist meets Archive, einem Projekt der Internationalen Photoszene Köln. Der Kurator der Ausstellung berichtet über das Projekt und die Zusammenarbeit mit der Künstlerin Anna Orłowska.

Thomas Thorausch, Stellv. Leiter des Deutschen Tanzarchivs Köln, Foto: Janet Sinica, 2019

Wie hat die Zusammenarbeit mit Anna Orłowska und dem DTK begonnen? Wie war Orłowskas Zugang zu den Archivalien und ihr Umgang damit?

Es ist ja eigentlich nichts Besonderes, dass Künstler*innen zu Gast im Tanzarchiv sind. Schließlich nutzen ja nicht nur Wissenschaftler und Studierende das Archiv und seine Bestände. Aber natürlich unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit Anna Orlowska davon! Schließlich ist sie als eingeladene Artist Meets Archive-Künstlerin im Deutschen Tanzarchiv Köln. Das Programm der Internationalen Photoszene Köln zielt ja darauf ab, gemeinsam ausgewählte nationale oder internationale Künstler*innen einzuladen, sich mit Kölner Archiv- und Sammlungsbeständen zum Thema Fotografie auseinanderzusetzen. Unter den zur Auswahl stehenden Künstler*innen hat Anna Orlowska mich mit dem performativen Angang, der ihre Arbeiten auszeichnet, sofort für sie eingenommen.

Bedingt durch die Pandemie konnte Anna Orlowska allerdings erst im Sommer 2020 das Deutsche Tanzarchiv Köln besuchen. Der Tanz wie auch ein Archiv der Tanzkunst war eine ganz neue Erfahrung für sie. Und sie war von dieser ersten Phase der Zusammenarbeit mit dem Archiv und seinen Beständen überwältigt. Es war einfach zu viel.

Bei der Durchsicht der fotografischen Bestände aber auch der Durchsicht der Fotoalben wie auch der Fotografien, die in choreographischen Notizbüchern den Tanz dokumentieren, hat sie sich sofort die ‚richtigen Fragen‘ gestellt: wofür stehen diese Fotografien? Was dokumentieren sie? Und was nicht? Anna Orlowska hat ein feines Gespür für die Vergangenheit und die Konstruktion von Geschichte generell. Bei aller anfänglichen Fremdheit gegenüber den Sujets ‚Tanz‘ und ‚Tanzfotografie‘, mag sie aber auch eine Art Vertrautheit in Bezug auf die Subjektivität der Fotografie als Zeugnis von Geschichte, Tanzgeschichte in unserem Fall, verspürt haben.

War die Zusammenarbeit schon auf die Ausstellung hin konzipiert?

Ja natürlich. Das Programm „Artist Meets Archive“ ist darauf angelegt, dass die Auseinandersetzung der Künstler*innen mit den Kölner Archiven und ihren Beständen in einer öffentlichen Präsentation, einer Ausstellung mündet. Im Fall des Deutschen Tanzarchivs Köln und seines Tanzmuseums ergab sich jedoch die besondere Ausgangslage, dass die Präsentation Teil der Jahresausstellung 2021/22 sein musste. Und sich natürlich harmonisch einfügen sollte. Gar nicht so einfach! Aber ich denke, wir haben auch dafür eine gute Lösung gefunden. Die Präsentation von Anna Orłowska ist jetzt eine von insgesamt drei zeitgenössischen künstlerischen Arbeiten, die sich auf jeweils ganz besondere Weise bildkünstlerisch dem Thema Tanz nähern. Und sich mit historischen Fotografien und anderen bildkünstlerischen Arbeiten aus dem Bestand des Deutschen Tanzarchivs verbinden…


Anna Orłowska arbeitet in ihren Werken gezielt mit Auslassungen. Steht dies nicht im Widerspruch zu dem grundlegenden Ansatz eines Archives? Wie geht das in einer/dieser Ausstellung zusammen?

Ich habe einmal das Bild, das man sich in einem Archiv vom Tanz machen kann, mit einem vielgestaltigen Puzzle verglichen. Ein Puzzle, bei dem immer einige Teile fehlen. Und diese Leerstellen muss man füllen: mit archivisch-historischer Logik aber auch mit Phantasie.  Insofern ist ein jedes Bild, das wir uns von der Geschichte machen, eben auch eine Konstruktion. Eine Konstruktion von vielen möglichen… Das gilt in besonderem Maße für den Tanz und seine Geschichte.

Anna Orłowska hat genau dies im Deutschen Tanzarchiv Köln und seinen Beständen erspürt und ihre Wahrnehmung wie folgt umschrieben (ich zitiere sinngemäß): „Allerdings kommt es angesichts der riesigen Bandbreite dieser historischen Sammlung mir oft so vor, dass ein einstmals Ganzes auseinandergerissen worden ist, dass die Ordnung durcheinander geraten ist und man am Ende versucht, einer einzelnen Silbe, die aus einem unbekannten Satz herausgerutscht ist, einen Sinn zu geben.“

Das beschreibt natürlich nicht ein etwaiges Durcheinander im Archiv (lacht) sondern den Umstand, dass angesichts der Flüchtigkeit der Tanzkunst ein jedes Dokument im Archiv dazu „unvollständig“ erscheint. Ich denke, dass aus dieser Reflektion ihr künstlerisch-ästhetisches Prinzip der ‚Auslassungen und Faltungen‘ entstanden ist. Indem sie mit dem Mittel der Bildbearbeitung den tänzerischen Körper aus einer Fotografie entfernt, lenkt sie unseren Blick auf ein Ensemble aus „erstarrter Materie“, sprich das ‚Beiwerk‘, das den tanzenden Körper begleitet: Elemente des Bühnenbilds, Requisiten, Elemente des Kostüms. Und aus diesen seltsam stillen, erstarrten Tanzräumen tritt uns - seltsam deutlich - die Körperlichkeit des Tanzenden entgegen. Ganz entgegen unseren ‚normalen‘ Sehgewohnheiten…


© Thomas Thorausch

Durch die Zusammenarbeit mit Anna Orłowska hat sich natürlich auch das Konzept der gesamten Ausstellung immer wieder verändert. Vielleicht lässt es sich wie folgt umschreiben: auf die Auslassungen in Anna Orłowskas Arbeiten folgen Körper, die sich aus einem engen Miteinander von Fotograf*in und Tänzer*in heraus auf besondere, ungewohnte und mitunter vielleicht auch verstörende Weise präsentieren. [Wobei die Besucher*innen beim Blick auf diese Arbeiten immer wieder auch mit ihrer eigenen Körperlichkeit konfrontiert werden – was dem Einsatz von Spiegelementen als Teil der Ausstellungsarchitektur geschuldet ist.]

Hat sich durch AMA der Blick von Thomas Thorausch auf das Archiv verändert?

Nein, eigentlich nicht. In der Regel kennen Archivar*innen das Potential ihrer Bestände ganz gut. Im Unterschied zur Öffentlichkeit, die Archive als dem Kreativen entrückte Institutionen und Orte ansieht und allenfalls den Begriff ‚Wissensspeicher‘ damit assoziiert. Aber natürlich verändert sich ein Archiv in der Zusammenarbeit mit einer Künstlerin, einem Künstler – es gerät im besten Sinne „in Bewegung“. Und auch Unruhe tut einem Archiv von Zeit zu Zeit ganz gut! (lacht)

Aufgrund der Pandemie können Sie derzeit keine Besucher in die Ausstellung lassen. Wie vermitteln Sie in dieser Zeit die Ausstellung? Und, was fehlt im Vergleich zu einem Ausstellungsbesuch vor Ort? Was bleibt momentan (leider) nur Ihnen vorbehalten?

Ein heikler Punkt. Erneut erarbeite ich eine Ausstellung ohne zu wissen, wann Besucher*innen sie erleben können. Natürlich werden wir versuchen, ein besonderes visuelles Bild davon zu erstellen, um die Ausstellung online „erlebbar“ zu machen. Konkret bedeutet dies, dass ich eigentlich zwei Ausstellungen entwickeln muss! Und dabei zwei ganz unterschiedliche Sehweisen berücksichtigen muss. Eine Herausforderung der besonderen Art!

Ich hoffe natürlich, dass den Besuchern online nichts fehlen wird. Denn ein Film – ich bleibe mal bei diesem Medium – über eine Ausstellung, der den Zuschauern nur vermittelt, wie schön es jetzt wäre, real im Museum zu sein… das wäre ja eigentlicher ein todtrauriger Film! Ein Film über eine Ausstellung muss eine ganz eigene Qualität haben, er sollte idealerweise zu neuen Sichtweisen anregen, sie vielleicht sogar propagieren. Eigentlich ist das ja eine ideale Kombination: ein Museumsbesuch und die ästhetische Reflektion über eine Ausstellung in Form eines Films. Sollte man vielleicht zum Prinzip machen und in Zukunft einen Link/Zugangscode direkt mit der Eintrittskarte an die Besucher ausgeben.

Das Gespräch mit dem Kurator Thomas Thorausch führten Tanja Brunner und Julia Steinkamp.