Die Primaballerina Konstanze Vernon ist gestorben, die in München zu einer der ganz Großen wurde, bevor sie als Ballettpädagogin den nachfolgenden Generationen zu internationalem Format verhalf.

Ein Nachruf von Eva-Elisabeth Fischer*

So eine wie Konstanze Vernon wächst nicht mehr nach. Sie verkörperte noch den Typus Primaballerina, als der Titel den gleichen entrückten Klang hatte wie Diva: Von allen glühend verehrt, aber unerreichbar. So war sie erzogen, als sie bei Tatjana Gsovsky im Berlin der 50er Jahre den ultimativen Schliff erhielt. Und junge Mädchen wie sie, die auf der Ballettbühne reüssieren wollten, die Krägen schmeichelnder Pelzmäntel hochschlugen, wenn sie an ihren Verehrern vorbeistöckelten, brauchten natürlich einen Künstlernamen. Konstanze Vernon hieß eigentlich Herzfeld, war die Tochter eines Musikwissenschaftlers, in Berlin aufgewachsen und mit jener sprichwörtlichen Berliner Schnauze begabt, dass einem, wenn ihr etwas nicht passte, die Augen tropften. Menschen, die sie in ihren frühen Tänzerinnen-Jahren kannten, als sie zarte 17 war, aber offenbar schon ganz genau wusste, wohin sie wollte – nämlich auf Spitze an die Spitze –, die nannten sie zärtlich Stanzi. Bis sie in München zur Konni wurde und schon mal drakonisch dazwischenfuhr, wenn ihr eine Margot Werner oder Gislinde Skroblin – beide sind ihr schon in den ewigen Ballerinenhimmel vorausgegangen – vor der Nase herumtanzte.

Tatjana Gsovsky mit Marion Cito (links), zwei anderen Schülerinnen und Konstanze Vernon (Herzfeld) (rechts) ca. 1952. Tatjana Gsovsky mit Marion Cito (links), zwei anderen Schülerinnen und Konstanze Vernon (Herzfeld) (rechts) ca. 1952. Die Lithographie an der Wand links hinten, ein Porträt von Tamara Karsawina, schenkte Tatjana Gsovsky Klaus Geitel und dieser später dem Tanzarchiv.
© Erbengemeinschaft Hildegard Zenker

Konstanze Vernon wurde die Primaballerina, wie sie sie erträumt hatte zu sein. Trotz ihres, wie sie fand, zu flachen Spanns; trotz ihrer Lust an gutem Essen, weshalb sie nach seltenen trainingsfreien Urlaubstagen immer ein paar Pfündchen herunterhungern musste. Sie tanzte in Münchens größter Kompanie, die damals noch Opernballett hieß, tanzte bei Heinz Rosen, bei John Cranko, bei Dieter Gackstetter, bei Edmund Gleede und auch noch bei Lynn Seymour. Sie überdauerte sie alle, die häufig wechselnden Ballettdirektoren. Und es muss wohl damals gewesen sein, dass nicht nur in München etwas nicht stimmte, dass Opernintendanten beim Ballett Willkür walten ließen und ihm nicht den Status zugestanden, den die Vernon für angemessen hielt.

Das große Vorbild: Konstanze Vernon mit Schülerinnen an der Ballettstange. Das große Vorbild: Konstanze Vernon mit Schülerinnen an der Ballettstange.
Foto: © N.N./Deutsches Tanzarchiv Köln, SK Stiftung Kultur

Aber in den 60er, den 70er, den 80er Jahren lebte sie für den eigenen Tanz. Sie war Gerhard Bohners gemarterte „Beatrice Cenci", gewiss eine der wichtigsten Rollenkreationen in den 18 Jahren als Erste Solistin in München. Sie war Odette/ Odile im „Schwanensee", das Landmädchen Giselle im gleichnamigen Ballett. Ihr wichtigster, lebensbestimmender Partner war Heinz Bosl, ein geborener Danseur noble, der 1975 mit erst 28 Jahren starb. Vernon tanzte vor ihm, mit ihm und auch noch fünf Jahre nach ihm, tanzte all die hochdramatischen, aber auch urkomischen Paraderollen, die die beiden hochverehrten Johns – Cranko und Neumeier – ursprünglich Marcia Haydee auf den Leib choreografiert hatten. Ihre Abschiedsvorstellung war die Tatjana in Neumeiers „Onegin". Da kultivierte sie als Tragödin die späte Rache an zurückgewiesener Liebe, hatte sich von den Klassikern bereits verabschiedet.

1980 war das, da war Konstanze Vernon 41 Jahre alt und hatte bereits zusammen mit ihrem Mann Fred Hoffmann, einem ehemaligen Filmproduzenten, in Erinnerung an ihren einstigen Tanzpartner, die Heinz-Bosl-Stiftung zur Förderung junger Talente gegründet. Und sie ackerte weiter, etablierte die Stiftung in der Ballettakademie, schaffte es, an der Akademie, Tänzer von internationalem Format auszubilden, die Preise um Preise von den großen Bal­lettwettbewerben heimbrachten, ausgebildet nach den strengen Regeln der russischen Tanzpädagogin Agrippina Waganowa. Es war der Nachwuchs für die eigene Ballettkompanie, deren Autarkie sie bei Franz Josef Strauß und beim damaligen Kultusminister Alfons Goppel erkämpfte. Vernon war zehn Jahre lang Ballettdirektorin des von ihr erstrittenen Bayerischen Staatsballetts. Und sie hat vor gut zwei Jahren, nachdem sie als Professor Vernon endgültig emeritiert worden war, die von ihr erwählte Creme junger Tänzerinnen und Tänzer in einer Juniorkompanie um sich versammelt.

Drei Jahrzehnte war der Trainingssaal der Lieblingsort von Konstanze Vernon. Pädagogin zu sein, empfand sie als ihre zweite Berufung. Die jungen Mädchen sollten eine Technik erwerben, wie sie zu ihrer Zeit in Deutschland utopisch war und besessen sein vom Tanz wie das Mädchen im Filmmärchen „Die roten Schuhe“. Den Tod ihres langjährigen Ehemanns Fred Hoffmann verwand Konstanze Vernon nie. Sie ist ihm jetzt gefolgt, mit 74 Jahren.

Die 16jährige Konstanze Vernon (Herzfeld) tritt am 2. April 1955 neben Tana Herzberg, Egbert Strolka, Manfred Taubert und anderen unter Tatjana Gsovskys Leitung als „Nachwuchs der Städtischen Oper“ in Berlin-Neukölln auf. Die 16jährige Konstanze Vernon (Herzfeld) tritt am 2. April 1955 neben Tana Herzberg, Egbert Strolka, Manfred Taubert und anderen unter Tatjana Gsovskys Leitung als „Nachwuchs der Städtischen Oper“ in Berlin-Neukölln auf. „Meine zweite ‚Stunde des Tanzes‘. Ich musste zweimal Da capo tanzen. Einmal bei dem Dörnröschen-‚Pas de deux‘ [mit Frank Hoopmann], das zweite mal den ‚Hans im Glück‘. Ich bin ganz stolz.“, notiert sie auf dem Blatt, auf welchem sie den Programmzettel aufgeklebt hat.
© Deutsches Tanzarchiv Köln, SK Stiftung Kultur

* Zuerst veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung vom 23. Januar 2013; Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.