Zur Bestandsübersicht: Nr. 569 José de Udaeta
"Duende!" – Ein spanisches Wort, ein tänzerischer Begriff ist zu einer Bedeutung geworden, die wir im mitteleuropäischen Raum recht eigentlich erst mit der Kunst José de Udaetas in unser Bewußtsein aufgenommen haben. Wie so vieles im Verstehen des spanischen Tanzes durch das tänzerische und pädagogische Wirken Josés in Deutschland.
"Poltergeister" ist die wörtliche Übersetzung. Doch mit ihm ist nicht das rasselnde Spiel der Kastagnetten, nicht das Poltern und Stampfen der Füße und Fersen allein versinnbildlicht, sondern auch der Geist, die Kunst, das Drama im spanischen Tanz. Eine geheimnisvolle Zauberkraft, die das Unaussprechliche im Gefühlsinhalt, in der seelischen Tiefe überhaucht. Mit Susana und José wurde die Welt des spanischen Tanzes zum Mikrokosmos, in dem Lust und Leid, Symbol und Mythos Ausdruck aller Lebenserscheinungen sind, bis hin zur Tragödie. Susana und José wurden zu wahren Ausdruckstänzern mit den Mitteln der spanischen Tanztechnik – im Duende, der dämonischen Interpretation des Schöpferischen, die sich im Künstlerischen offenbart.
Wir wollen nicht rechten mit dem Anteil, den Susana Audeoud und der kongeniale Komponist und Pianist des Paares, Armin Janssen alias Antonio Robledo, an der Ehrung José de Udaetas haben. Zweiundzwanzig Jahre lang hat Josés pädagogisches Wirken an der Internationalen Sommerakademie des Tanzes in Krefeld und Köln den Studierenden Beine gemacht, ihnen die damals fehlende Originalität gegeben und der Akademie strahlenden Glanz durch seine unvergeßlichen künstlerischen und durchaus auch humorvollen Veranstaltungsbeiträge, in die er alle Dozenten einbezog. Seine künstlerische Substanz und seine überwältigende menschliche Qualität haben Studierende und Dozenten, wie achtunddreißig Jahre lang das internationale Publikum, hingerissen und ins Herz geschlossen. Seitdem ist uns im spanischen Tanz kein X für ein U vorzumachen.
Es war schon eine gelinde „catastrof“ für Josés adlige baskische Familie, diese erwachende Tanzlust ihres Sprößlings, die sie zu dämmen meinten, indem sie ihn kurzerhand Medizin studieren ließen. Doch er, der schon als Zwölfjähriger mit anderen besessenen Kindern und Jugendlichen in Barcelonas Ecken und Enden fliegende Folklore-Feste arrangierte und nichts anderes im Kopfe hatte, wurde rechtzeitig von Zweifeln geplagt, fürchtend, seine künftigen Patienten könnten durch seine ärztliche Kunst dem Folklore-Tod entgegensiechen. Also brach er nach drei Jahren sein Studium ab.
Natürlich hatte er in der Zwischenzeit heimlich Ballettunterricht genommen, am Gran Teatro Liceo bei Juan Magrina, später auch bei Olga Preobrajenska, Alexander Volinine, Boris Kniaseff. Unverhältnismäßig schnell gelang es ihm, ein Engagement an der Oper Madrid zu bekommen. Bald erhielt er choreographische Aufgaben und wurde, sechsundzwanzig Jahre alt, Maître Chorégraph und Premier Danseur, der seine noch bescheidene eigene Technik durch Temperament und Feuer ersetzte. „La flamme“ war in ihm ausgebrochen.
Zum Schicksal wurde ihm die Erkrankung seiner Solistin. Auf der Suche nach Ersatz begegnete ihm in einem der Tanzstudios Barcelonas Susana Audeoud. „Können Sie Spitze tanzen?“ fragte José. Und schon war sie klassische Ballerina in Madrid, sie, die eigentlich ihre Kenntnisse des spanischen Tanzes vervollkommnen wollte. Doch das konnte sie auch in Madrid, denn auch José hatte noch als Solist und Ballettmeister bei den heute legendären Virtuosen und Spezialisten der Quadro Bailes, der Escuela Bolera und des Flamenco, bei La Quica, El Estampio, El Cojo, Regina Ortega, Rafael und Luisa Pericet weitergelernt, mit La Quica als Partnerin bereits erste Erfolge in dem errungen, was er später mit Susana zu Welterfolgen führte.
Die Weltpremiere dieser Partnerschaft war 1948 im Théâtre de la Cour de Saint-Pierre in Genf. Danach war der zweiundzwanzigjährige Siegeszug durch alle Kontinente nicht mehr aufzuhalten. Die Programmfolgen, mit bewundernswerter choreographischer Intelligenz gestaltet, umfaßten die vielfältigen regionalen Volkstänze, die Escuelas, die Schulen bestimmter spanischer Landschaften, ihre Zigeunertänze, Maskentänze und historische Tänze. Es entstanden größere Choreographien, in dramatischen Einzelschöpfungen aus dem Flamenco entwickelt. Sie machten sich die Forschungsarbeit La Argentinas ebenso zunutze wie das Wissen und die Erfahrung der alten Nationalheiligen des Flamencos. In ihren Tournee-Pausen unternahmen sie Forschungen auf den Inseln und in weniger bekannten Landstrichen Spaniens. Susana und José ließen nichts aus.
Neben Armin Janssen, der das Wesen der farbenreichen Musik Spaniens für ihre Schöpfungen einfing, neben dem Sänger Enrique Morente und dem Gitarristen Paco Hernandez, die hier für viele Mitwirkende genannt seien, muß auch die im Hintergrund wirkende hinreißende Schloßdame Marta Font de Udaeta Erwähnung finden. Sie ist nicht nur die Verwalterin des unter Naturschutz und Denkmalschutz stehenden Castillo de Sotarribas in San Pedro de Ribas, dem Sitz derer von Udaeta, sie schuf auch viele bezaubernde Kostüme für das Tanzpaar und ist die Seele des von José geschaffenen Internationalen Zentrums für spanischen Tanz in dem Festspielort Sitges nahe Barcelona. Sie hatte José schon in seinen tänzerischen Jugendsünden bestärkt und ihn schließlich geheiratet.
1970 trennten sich die Partnerwege von Susana und José. Beide gingen nun ihrer pädagogischen Berufung nach. José, der schon viele Jahre ohne Unterbrechung als Dozent zum Renommee der Internationalen Sommerakademie in Köln beigetragen hatte, wendete sich nun ganz dem Pädagogischen und der Theaterchoreographie zu. Er unterrichtet an den Opernhäusern von Stockholm, Kopenhagen und Zürich, geht für zwei Jahre in die Vereinigten Staaten zum Boston Ballet und zur Harkness-Compagnie, wirkt für den Schweizer Berufsverband, für Roleff-King in München, für die Tanzhochschulen in Wien, Hamburg, Amsterdam, für die Stuttgarter Cranko-Schule und das Institut für Bühnentanz in Köln und choreographiert, wo auch immer ein spanischer Schritt, und sei es für Karajans „Carmen“, einer Inszenierung die Besonderheit gibt.
Für Schulaufführungen in Amsterdam, Stuttgart und Köln choreographiert er Massentänze für Kinder und für die Fortgeschrittenen neuartige Spanische Suiten mit kostbaren Soli und Männertänzen, teils in Jeans und Straßenkleidern, wie die heutige Jugend sich in verlassenen Garagen trifft, um ihre spanischen Tänze zu tanzen. Zwischenhinein gibt er seinen „Curso Internacional de Baile Español“, der nun auch schon im fünfzehnten Jahr in Sitges abgehalten wird und zu einer alljährlichen Wallfahrt die Jünger des spanischen Tanzes aus aller Welt anlockt. So jubilieren und drängen sich seine unzähligen Tätigkeiten dahin, rastlos, erschöpfend oft, und doch mit so viel Heiterkeit und einem Humor, der seine Mitwelt zuweilen vor Lachen bersten läßt.
In mühsamer Klausur hat er in den letzten Jahren noch Zeit gefunden, sein Kastagnettenspiel konzertreif zu feilen. Mit Emma Maleras, der Königin und Notenverfasserin des Kastagnettenspiels, übte er alle technischen Kniffe und Besonderheiten dieses Instruments und machte es schließlich auch zum Solo-Instrument im Orchesterwerk. Darüber hinaus hält er Gastvorträge über die Geschichte der Kastagnetten aller Völker, vom primitiven Holzstab über die Metallformen bis zu jenen großen und kleinen klangvariierenden, gesprächigen, wispernden, düsteren oder effektvoll aufrauschenden heutigen Kastagnetten.
José de Udaeta vermochte es, in einem gemeinsamen Konzert mit Montserrat Caballé in den Opernhäusern von Mailand, London, Köln und Berlin – allerdings auch mit seinem Charme – die artistischen Eskapaden der Caballé in lyrische Zarzuela-Klänge zurückzuholen und auch ihre zartesten gesanglichen Modulationen in eine sanfte Carretilla der Kastagnette einzubetten. Wenn er jedoch mit balzendem Forte ihre Zuneigung herausforderte, so ließ er nicht einen Ton Caballé vermissen. Es war ein Überquellen von Sympathie in einem Liebesspiel zwischen Gesang und Kastagnette. Zwei Granden der musikalischen Kunst. Das Publikum spürte es.
Und wieder ging es auf Welttournee. Durch die Vereinigten Staaten über Honolulu nach Australien führten ihn seine Kastagnettenkonzerte und sein Vortrag zur Geschichte der Kastagnette. In Melbourne, in der Victoria-Galerie, wurde er während einer Ausstellung über die australischen Ureinwohner von diesen durch Trance- und Brauch-Tänze mit der Primitivform der Kastagnette – zwei Hölzer, die mit beiden Händen zusammengeschlagen werden – überrascht. So schließt sich der Kreis von Josés Kastagnettenkonzert zurück zu den primitiven Ursprüngen.
Das Programm dieser Reise – ein Bach-Konzert, Sonaten von Soler und Albéniz, Volks- und Konzertmusiken von Larregla, Sarasate, Serrano, Rimsky-Korsakow – wurde von den Veranstaltern – man höre und staune – auch einer japanischen Vorschule zugemutet. Vor vierhundert verwundert-ergriffenen vier bis sechs Jahre alten, mucksmäuschenstillen Kindern absolviert er sein komplettes Programm mit weiteren Zugaben. Das sah José als den größten Erfolg seines Lebens an.
Über Ursprung und Entwicklung der spanischen Kastagnette schrieb er ein reich illustriertes Buch, das zugleich die Geschichte des spanischen Tanzes beleuchtet. Seine Schrift mit dem Titel „Flamenco“ ist vergriffen. Bücher anderer Autoren über Susana und José sind es auch.
Das unermeßliche Schaffen Josés, das den Tänzer, den Choreographen, den Pädagogen, den Musiker, den Schriftsteller, Entertainer und Arrangeur einbegreift, zeigt sich in seinen Programmgestaltungen und auf dem Podium, im Theater, im Konzertsaal, in der Oper, zeigt sich in Schulen, Akademien, Seminaren und nicht zuletzt in seinem Zentrum für spanischen Tanz in Sitges.
Es bleibt der Mensch José de Udaeta. Immer suchte ich in dem vollkommenen Künstler auch den vollkommenen Menschen. Zuweilen sah ich einen solchen in der Altersweisheit. Bei José fand ich diesen Menschen schon in seiner Lebensmitte. Mit einem großen Herzen, aber auch mit allen Nuancen des künstlerischen Kalküls, schuf er seine wunderbar schlichten, hochsensiblen, bezaubernden Tänze, seine ergreifenden, eruptiven, brisanten Tanzszenen. Seine menschliche Haltung kennzeichnet seine Ehrfurcht vor dem Leben, vor allen Künsten und Künstlern, die ihr Werk im Duende geschaffen haben, auf dem Theater, im Konzertsaal, im Museum. Da kann er selbst als Zuschauer in Ekstase geraten, trunken im Überschwang.
Immer wieder überrascht mich sein Verständnis für andere Menschen und Situationen. Auch wenn eine erlebte künstlerische „catastrof“ seine vernichtende Kritik findet, stets steht sein Bedauern, seine Nachdenklichkeit dahinter und – wenn man sie will – seine Hilfe. Haben ihm Kollegen etwas Abträgliches angetan, ist er stets gewillt, zu verstehen, zu entschuldigen, auszugleichen. Einem weniger begabten Schüler versucht er noch, die Mitwirkung an einer Veranstaltung zu ermöglichen, ihm „la flamme“ einzuhauchen durch gesteigerten pädagogischen Einsatz. In seinen eigenen professionellen Unternehmungen gibt er dem begabten Nachwuchs jede Chance.
Er hat nicht die geringsten Bedenken, gleichwertige Künstler neben sich wirken zu lassen oder diese gar zu begünstigen. Denke ich nur an Josés Empfehlung an Heinz Laurenzen, Juan Magrinas Arrangement spanischer Tänze des 19. Jahrhunderts in eine Veranstaltung der Kölner Sommerakademie aufzunehmen mit den Solistinnen des Teatro Liceo im klassisch-spanischen Spitzentanz. Ohne Josés Vermittlung hätten wir diese traumhafte Ballett-Folklore niemals gesehen, diese belebten handkolorierten Stiche der alten französischen „Illustration“ in den zauberhaften Farben der historischen Ballettröcke mit dem anrührenden Incliné und Port de bras der romantischen Schule.
Der ständige Performer José, von dem man selbst am Telefon den Eindruck gewinnt, er gäbe auf der anderen Seite eine Vorstellung, täuscht. Sein echter Frohsinn und sein unwiderstehlicher Humor, der ihn auch in ernsten Situationen nicht verläßt, hat den Hintergrund tiefgehender Gedanklichkeit. Allerdings gibt es private Abende mit ihm, an denen sich über seine Erzählungen und Erlebnisse vor Lachen die Balken biegen, oder wenn er den ganzen „Schwanensee“ in allen Einzelheiten karikiert, oder wenn er mit einer englischen Dame „a cup of tea“ trinkt. Er gab choreographische Werkstatt-Späße von sich, die ich für Meisterwerke tänzerischer Karikatur halte.
So unvergeßlich wie die tragische Liebe des Paares in „La Celestina“ oder Josés Solo des alten Zigeuners, der im hellsten spanischen Sonnenschein und im tiefsten Lorca-Schatten sein Leben in der Erinnerung von Lust und Qual durchwandert und in Einsamkeit endet, so unvergeßlich bleiben seine von übersprudelnder Lust und Laune geprägten spontanen Schöpfungen. Seine Improvisation mit der Dame Mary Hinkson, der Vertreterin der Graham-Kultur, verwandelte diese durch seine Partnerschaft im Handumdrehen in eine girrende, funkensprühende, leuchtende Tänzerin à l’Espagnol unter einem Jubel, der schon in Raserei ausartete. Nicht minder akklamiert der grandiose Ulk-Knüller unter der Regie Lynn Simonsons, die die Eigengestaltungen von Anatoli Borsow, René Bon, Samy Molcho und José in einen Pas de quatre zusammenfaßte, der im Begeisterungssturm der anwesenden Fachleute außer Rand und Band geriet. Ob José allein, in Partnerschaft oder nur als Anreger in Erscheinung trat, es gab kein Jahr ohne „una bomba de José“.
Genug der Bewunderung und Verehrung. Es ist kaum mehr auszuhalten, diese Erlesenheit, Harmonie und Schönheit des Menschen und Künstlers José de Udaeta. Diese beinahe heilige Einfalt seines Denkens und Handelns, seines Tanzes und Choreographierens ist sichtbar gewordene Demut vor der Kunst, in die ich alles Humanistische, Ergeben und Erhabene, Künstlerische und Feine hineintue. José gehört zu jenen Menschen, die eigentlich keines Beweises ihrer künstlerischen Größe und ihres inneren Reichtums bedürfen, denn sein Leben vollzieht sich im – Duende.