Maria Kessler wurde 1910 in Bornum bei Zerbst in Anhalt als viertes Kind des Pfarrers Paul Kindscher und seiner Frau Adele geboren.

Die Schulausbildung absolvierte sie mit der jeweiligen Versetzung des Vaters in Köthen und in Dessau auf dem Mädchenlyzeum, dann auf einem Realgymnasium mit einem Jahr Griechisch in Privatunterricht, um zum altsprachlichen Gymnasium überzuwechseln; Abschluss jedoch mit dem Einjährigen, um eine Ausbildung in künstlerischem Tanz zu beginnen.


Foto © Deutsches Tanzarchiv Köln

„Warum ich zum Tanz kam, kann ich nicht erklären, denn es ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ich habe mich immer dafür interessiert, besaß schon in jungen Jahren eine gute Kritik und Unterscheidungsgabe für das, was ich an Tanzaufführungen zu sehen bekam. Leben ohne Tanzen wäre für mich undenkbar, und ich würde stets tanzen und tänzerisch arbeiten, auch wenn ich nicht daran dächte, vor einem Publikum zu stehen. Das Interesse und die Veranlagung zu einem künstlerischen Beruf mögen in der Familie liegen; ein Urgroßvater war Komponist, mein Vater hat viele literarische Interessen, mein Bruder ist Violinist und war erster Konzertmeister im Leipziger Gewandhaus.“ 1)


Foto Gröschl-Kendelbacher, Dessau © Deutsches Tanzarchiv Köln
Billa Kuke, Linni Eichholz, Mieze Kindscher, Sonja Clement, Hanna Schulze. – Getanzt am 6. Oktober 1924, Lehrerverein (Tivoli).

Vom 13. bis 15. Lebensjahr erhielt Maria Kindscher Gymnastik-Unterricht bei einer dipl. Lehrerin der Dora-Menzler-Schule. Im September 1928 begann sie ihre tänzerische Ausbildung in der von Margarete Wallmann geleiteten Berliner Mary-Wigman-Schule, die sie im Juni 1931 nach mehreren Monaten auf einer Freistelle abschloss, ohne aus Geldmangel das Diplom an der Dresdner Wigman-Schule ablegen zu können. Sie ergänzte ihre Tanzausbildung 1935 durch Trainingsunterricht in der „Deutschen Tanzbühne“ und im Tänzerschulungslager in Rangsdorf, 1936 durch Steptanz-Unterricht bei Anneliese von Oettingen und 1936/37 durch Ballettunterricht bei Tamara Rauser in Berlin. Von Mai bis August 1941 ergänzte sie ihre Tanzkenntnisse zudem in der Ausbildungsschule für Gesellschaftstanz Dr. Ritter in Leipzig.


Foto © Deutsches Tanzarchiv Köln

Im Juni 1930 wirkte Maria Kindscher als Mitglied der „Tänzergruppe 1930“ anlässlich des 3. Deutschen Tänzerkongresses in München in der Uraufführung von „Orpheus Dionysos“ in der Einstudierung von Margarete Wallmann mit. Am 6. Dezember 1930 tanzte sie erstmals eine Solorolle, in einem Gruppentanzabend bei Hans Weidt, und wurde von der Presse gelobt. 1934 nahm sie in der Gruppe von Gertrud Wienecke an den Deutschen Tanzfestspielen teil. Im Juli und August 1936 wirkte sie auf der Dietrich-Eckart-Freilichtbühne in der „Herakles“-Inszenierung von Hanns Niedecken-Gebhardt mit. Sie tanzte von Februar bis Juni und ab September 1937 im Ballett der Volksoper in Berlin unter Martha Welsen, anschließend bei den Sommerfestspielen 1938 erneut unter Niedecken-Gebhardt.

Vom September 1938 bis Mai 1939 war sie als Solotänzerin am Landestheater Allenstein engagiert, vom Mai bis Juni 1939 erneut an der Volksoper Berlin (diesmal unter Erika Lindner). Anschließend siedelte sie nach Leipzig über, wo sie sich auf das Examen als Lehrerin für tänzerische Körperbildung vorbereitete, das sie am 11. Mai 1940 an der Schule von Elisabeth Wigman ablegte. In der Spielzeit 1940/1941 war sie als Tänzerin am Schillertheater in Berlin tätig. In der Spielzeit 1941/1942 war Maria Kindscher wiederum als Tänzerin mit Soloverpflichtung an der Volksoper engagiert und assistierte außerdem Ellen Petz am Schillertheater (Ua: Nante, August 1942). Ab September 1942 arbeitete sie als Lehrerin für Tanz, Step und Akrobatik an der Tanzabteilung der Folkwangschulen Essen.

Probe auf der Dietrich-Eckart-Bühne, Juni 1936, in der "Herakles"-Inszenierung von Hanns Niedecken-Gebhardt.
Foto © Deutsches Tanzarchiv Köln
Mit Alexander Kamaroff (Camaro) "japanisch" ("Der Mikado"?) am Theater Allenstein 1938.
Foto © Deutsches Tanzarchiv Köln

1943 heiratete Maria Kindscher den Komponisten und Musiker Ulrich Kessler und erteilte am damaligen Wohnort Leipzig privaten Tanzunterricht; 1944 zogen beide nach Berlin, wo sie ein Französisch-Studium begann, jedoch im November des Jahres zum Kriegseinsatz in den Siemens-Werken verpflichtet wurde. Nach Kriegsende zog Maria Kessler zunächst zurück zu ihrer verwitweten Mutter nach Leipzig und 1950 erneut nach (West-)Berlin, wo ihr Mann inzwischen in der Wigman-Schule fest angestellt worden war.

Maria Kindscher und Ulrich Kessler
Foto © Deutsches Tanzarchiv Köln

1) Aus dem Manuskript "Kurze Angaben zum Lebenslauf und über die tänzerische Tätigkeit", ca. August 1938. Die Biographie basiert außerdem auf zwei weiteren Lebensläufen (aus der direkten Nachkriegszeit und aus der Mitte der 1960er Jahre). 

Entwurf eines Solotanz-Programms von Maria Kessler:

* Denkmäler und Statuetten
* Modeschöpfung
* Tango (Straßenscene)
* Tanz der großen Kümmernisse
* Das überaus alberne Gelächter
* Der Hebelbediener
* Nicht "Die Wollust", sondern schlicht "Baby Doll"
* Stierkampf: er, sie, der Stier